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Als Alfons Eisele 1972 seine Familienmetzgerei in Ostrach im oberschwäbischen Landkreis Sigmaringen gründete, war ihm eines bereits bewusst: Sein beengter Unternehmensstandort inmitten der 7000 Einwohner zählenden Gemeinde würde sich wahrscheinlich nicht zu einem Einkaufs-Hotspot mit hoher Kundenfrequenz entwickeln.
Deshalb entschied sich der Fleischermeister von Beginn an für die Beschickung von Wochenmärkten. Seine Prämisse lautete: „Meine Kunden brauchen nicht zu mir zu kommen. Ich gehe dorthin, wo sie sind.“ Die Eiseles zogen zwar 1984 mit ihren Produktionsräumen in neue, größere Gebäude am Ostracher Fabrikweg um und erweiterten den Firmenstandort im Jahr 2000 nochmals durch einen Anbau. Dennoch führt mit Thomas Eisele auch die zweite Generation die Markttradition fort und setzt ausschließlich auf mobilen Verkauf.
Der 51-Jährige legte 1997 in Augsburg seine Meisterprüfung im Fleischerhandwerk ab und stieg sieben Jahre später in die Familienmetzgerei ein. Er vertreibt seine Produkte auf mehreren Wochenmärkten in der Region Oberschwaben – in mittelgroßen Städten wie Markdorf, Friedrichshafen, Immenstaad, Albstadt-Tailfingen, Weingarten und Ravensburg – bis hinunter an den Bodensee. Sie werden mit zwei 16-Tonner-Lkw angefahren. Wenn, wie vor Feiertagen oder bei verschobenen Markttagen, drei statt zwei Märkte beschickt werden müssen, ist ein zusätzlicher Anhänger im Einsatz.
"Mit dem Wochenmarktgeschäft sind wir bestens aufgestellt“, findet Eisele Junior und begründet dies beispielsweise mit dem Einkaufsverhalten. „Wenn man wie wir wöchentlich nur einmal in einer Stadt oder an einem Standort präsent ist, sind die Einkaufsbons meistens höher als in stationären Verkaufsstätten.“ Diese steuern die Kunden zwar öfter an, nehmen aber nur die für den täglichen Bedarf benötigten Mengen an Fleisch, Wurst oder Feinkostsalaten mit. Wochenmarktkunden kaufen stattdessen auf Vorrat ein – in der Gewissheit, dass es eine ganze Woche dauert, bis ihr Lieblingsmetzger wieder vor Ort ist.
„Renaissance des Wochenmarkts“
Thomas Eisele registriert derzeit eine regelrechte Renaissance des Wochenmarkts und ist darüber positiv überrascht. Noch vor einigen Jahren hatte er das Gefühl, dass der mobile Verkauf nicht mehr richtig zieht, weil seine vorwiegend älteren Kunden wegblieben. „Mittlerweile kommen ganz viele jüngere Leute zu uns an den Marktwagen. Das sind beispielsweise Mütter mit Kindern, die zum einen das schöne Einkaufserlebnis und zum anderen unsere hohe Qualität und Frische schätzen“, erklärt der Fleischermeister und beziffert seinen Stammkundenanteil mit stattlichen 90 Prozent.
„Halbe Stammkunden“ nennt er die Urlauber, die jedes Jahr an den Bodensee kommen und sich darauf freuen, während ihrer Ferien bei Eisele auf den Märkten in der Seeregion einkaufen zu können.
Die meisten Städte fährt die Ostracher Metzgerei seit mindestens 50 Jahren Woche für Woche an. Konkurrenz in Sachen Fleisch und Wurst gibt es überall: Je nach Marktgröße wetteifern vier bis fünf Anbieter um die Gunst der Kunden. Eisele nimmt die Konkurrenz mit großer Gelassenheit zur Kenntnis und bezeichnet die Kollegenbetriebe als Mitbewerber.
Für alle seine Wochenmarktplätze muss er jährlich eine neue Bewerbung schreiben. Die Gebühren, die die Kommunen für die Standplätze einfordern, sind recht unterschiedlich. Während die touristisch geprägten Städte in der Bodenseeregion ihre Märkte auch als Aushängeschild und Attraktion für die Urlaubsgäste bewerben, wollen andere Gemeinden am Marktgeschehen lieber ordentlich mitverdienen. „Die Gebühren schwanken deshalb zwischen 150 und 3000 Euro pro Jahr, Strom kommt extra dazu“, weiß Eisele. Mehrmals pro Woche steht er selbst mit im Marktwagen. Das kommt bei den Kunden gut an – vor allem, wenn sie auf seine Fortbildung zum Fleischsommelier aufmerksam werden. Seine Expertise tut er sowohl auf seinen T-Shirts als auch auf seinen Namensschildern kund. „Die Zusatzschulung hat großen Nutzen“, berichtet er. „Mit den Kursteilnehmern habe ich noch immer Kontakt. Wir tauschen uns regelmäßig über Trends oder Fleischcuts aus und betreiben reges Networking.“
„Stromfänger“ für Energieautarkie
Wenn Eisele auf den Wochenmärkten unterwegs ist, verkauft er nicht nur seine Produkte und berät Kunden. Er steuert vollautomatisch via Tablet oder Smartphone sein Energiesystem zu Hause in Ostrach. Es besteht aus drei Fotovoltaikanlagen mit insgesamt 115 Kilowattpeak (kWp)1, einem Blockheizkraftwerk sowie einem selbst genutzten Elektroauto samt mehrerer, auch öffentlich zugänglicher Ladesäulen. Er beschäftigt sich schon seit Langem mit erneuerbaren Energien und der Speicherung von Strom, denn seine mit einer Kühlung ausgestatteten Marktfahrzeuge ziehen erhebliche Energiemengen. Aber auch die in der Wurstproduktion eingesetzten Kutter, die Kühlung, Kombidämpfer sowie weitere Maschinen und Geräte sind echte Energiefresser, die hohe Betriebskosten verursachen.
Um die steigenden Kosten zu drosseln, setzt Eisele seit 2015 auf Solarstrom und hat an seinem Unternehmensstandort Fotovoltaikanlagen als „Stromfänger“ installieren lassen. Die Solarpaneele sind drehbar und richten sich automatisch nach dem Sonnenstand aus. Die gewonnene Energie führt Eisele einem Stromspeicher mit Pacadu2-Steuerung zu und erzielte damit bereits in den ersten Jahren einen Autarkiegrad von 70 Prozent. Als die Solarpaneele viel mehr Strom produzierten als der erste Speicher fassen konnte, ließ Eisele einen zweiten integrieren. Der Visionär erreicht mit beiden Anlagen eine Kapazität von 214 Kilowattstunden (kWh) und eine Leistung von 90 Kilowatt (kW). „Die Fahrzeugbatterie meines Autos wird bei Ladung und Verbrauch mit dem System gekoppelt und sorgt so für eine nochmalige Erhöhung des Speichervermögens auf insgesamt 304 Kilowattstunden“, erläutert er.
Sein Blockheizkraftwerk schätzt Eisele als praktischen Puffer: Es springt sofort an, wenn die Speicher aufgrund ungenügender Sonneneinstrahlung oder bei sehr hohen Lastspitzen an ihre Grenzen kommen. Das Werk steuert dann 160 Kilovoltampere (kVA) Energie bei. Damit könnte der Fleischermeister einen möglichen Stromausfall überbrücken. „Mittlerweile sind wir zu 75 Prozent autark, die restlichen 25 Prozent Energie kaufe ich im Bedarfsfall zu.“ Die Anbindung ans öffentliche Netz ist für Eiseles Betrieb also nur letzte Reserve und wird von der Steuerung als Notstromversorgung zugeschaltet. Aktuell ist er mit seiner Anlage und ihrer Leistung zufrieden: „Natürlich würde noch mehr gehen. Aber momentan freuen uns über jeden Tag, an dem die Sonne scheint.“
Quellen
1 Kilowattpeak (kWp): Maßeinheit für die elektrische Leistung, die eine Fotovoltaikanlage unter idealen Bedingungen erbringen kann.
2 Pacadu: Der Energiespeicher Pacadu arbeitet mit einem Smart Charging System, das auf parallelgeschalteten Akkus aus Lithium-Eisenphosphat (LiFePO4) basiert, auch LFP-Akkus genannt. Sie gehören zu den Lithium-Ionen-Akkus, verwenden aber als positive Elektrode Eisenphosphat.
Infobox
Mobile Verkaufsstellen sind im Fleischerhandwerk eine seit Jahren weitgehend konstante Größe. Neben stationären Stammgeschäften und Filialen ergänzen sie das Angebot vieler Betriebe. In den letzten Jahren waren rund 5.000 Verkaufsfahrzeuge im Einsatz, davon etwa 4000 auf Wochenmärkten und rund 1.000 im Fahrverkauf. Aktuelle Zahlen liegen hierzu derzeit nicht vor. Die Fahrzeuge kommen an mehreren Wochentagen auf verschiedenen Märkten oder auf wechselnden Routen zum Einsatz. Die Anzahl der Verkaufswagen auf Wochenmärkten ist seit Jahren nahezu unverändert, ebenso wie die Zahl der Märkte selbst. Im Jahresverlauf werden nur wenige neue Wochenmärkte eingerichtet. In Deutschland existieren mehr als 2.000 regelmäßig stattfindende Wochenmärkte. Hinzu kommen rund 300 Märkte zu Sonderanlässen, etwa Bio-, Bauern- oder Hofmärkte sowie wiederkehrende Regionalveranstaltungen.
Quelle: Jahrbuch 2025 des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV)
Menschen im Fleischerhandwerk
Ähnlich vielfältig wie die Aufgaben im Fleischerhandwerk sind die Menschen, die mit Fleisch arbeiten und Fleischprodukte verkaufen.
Unsere weltweite Serie porträtiert kreative und geschickte Köpfe vom Traditionsmetzger bis zum Quereinsteiger.
Die Serie entsteht gemeinsam mit unserem Partner Guter Genuss.