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Gesunde Ernährung und Umweltschutz haben sich zu einem der größten Trends der letzten Jahre vereint: Bio-Lebensmittel. Angesichts wachsender Bedenken im Hinblick auf Gesundheit, ökologische Nachhaltigkeit und Tierschutz verlangen Verbraucher weltweit zunehmend nach Lebensmitteln, die sauberer und transparenter sind und mit Respekt gegenüber unserem Planeten hergestellt werden.
Argentinien gehört zu den Ländern, in denen dieser Wandel besonders deutlich wird. Im ganzen Land bieten immer mehr lokale Initiativen gesündere Alternativen für Verbraucher an, die an einem bewussteren Lebensstil interessiert sind. In den letzten zehn Jahren hat die zertifizierte Bio-Produktion stetig zugenommen, wobei Produkte wie Mate-Tee, Honig, Wein und Olivenöl den Sektor anführen.1
Argentinische Verbraucher informieren sich zunehmend darüber, was sie essen und wie sich Lebensmittel auf ihre Gesundheit und die Umwelt auswirken, wie eine aktuelle Studie der Puratos Group mit dem Titel „Taste Tomorrow“ zeigt. Dem Bericht zufolge möchten 78 % der Verbraucher wissen, woher ihre Lebensmittel stammen und wie sie produziert werden, um deren mögliche Auswirkungen zu verstehen. Gleichzeitig glauben 75 % der Verbraucher an das Motto „Ich bin, was ich esse“ und wählen ihre Lebensmittel lieber sorgfältig aus. Infolgedessen nimmt die Vorliebe für biologische, lokale und nachhaltige Produkte zu.2
In Argentinien führen diese veränderten Einstellungen zur Umgestaltung einiger der bekanntesten landwirtschaftlichen Branchen des Landes.
Ein neues Kapitel für den argentinischen Wein
Dieser Wandel wird wohl nirgends so deutlich wie im argentinischen Weinbau. Die Branche, die seit langem für ihre Weingüter der Spitzenklasse bekannt ist, setzt zunehmend auf biologischen Anbau, um hochwertige Weinherstellung mit ökologischer Verantwortung zu verbinden.
Bio-Weine werden ohne Pestizide, Agrochemikalien, Kunstdünger und Fungizide hergestellt. Stattdessen vertrauen die Winzer auf natürliche Anbaumethoden, um Bodengesundheit und Artenvielfalt zu erhalten. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der bio-zertifizierten Weinbaubetriebe verdoppelt, was auf ein branchenweit größeres Engagement für Nachhaltigkeit hinweist.
Heute sind rund 20,5 % der argentinischen Weinproduktion biologisch, und die Inlandsnachfrage wächst rasant. Allein im Jahr 2024 konsumierten die Argentinier 1,5 Mio. Liter Bio-Wein – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 4.000 Litern, die noch ein Jahrzehnt zuvor verkauft wurden.
Die Philosophie hinter dem Bio-Wein ist für das Land aber nicht ganz neu. Viele Erzeuger weisen darauf hin, dass der traditionelle argentinische Weinbau seit langem auf natürliche Bedingungen setzt, darunter trockenes Klima und hochgelegene Weinberge, um den Einsatz chemischer Mittel zu verringern.
Zu den Pionieren dieser Bewegung zählt die Familia Zuccardi. Das Weingut begann 1999 mit der Erforschung biologischer Anbaumethoden und leitete Anfang der 2000er Jahre den Zertifizierungsprozess ein. Heute sind 320 Hektar der Weinberge des Unternehmens vollständig biologisch zertifiziert und Teil eines umfassenderen Engagements für Nachhaltigkeit auf den insgesamt 1.200 Hektar, die von der Familie bewirtschaftet werden.
Escorihuela Gascón ist ein weiteres bemerkenswertes Beispiel. Vor über 15 Jahren leistete das Weingut auf Initiative von Ernesto Catena Pionierarbeit für den biodynamischen Weinbau in Argentinien. 2015 brachte es seine Linie „Organic Vineyard“ auf den Markt, die aus 70 Hektar in El Cepillo im Uco-Tal stammt, die sowohl biologisch als auch biodynamisch zertifiziert sind. Weitere 150 Hektar befinden sich derzeit in der Umstellung, was das langfristige Engagement des Weinguts für eine biodynamische Weinbergbewirtschaftung widerspiegelt.
In ähnlicher Weise hat sich Chakana Wines unter Leitung des Winzers Leonardo Devia einer biodynamischen Produktion verschrieben. Das Weingut favorisiert Techniken, die das lokale Ökosystem respektieren, und kennt das Zusammenspiel von Boden, Klima, Mensch und Tier, um Qualität und Charakter des Weins zu prägen. Obwohl die biodynamische Landwirtschaft zu den geschichtlich ältesten landwirtschaftlichen Traditionen gehört, bleibt ihre moderne Anwendung äußerst dynamisch und erfordert ständige Anpassung und sorgfältiges Management.
Das wachsende Interesse an Bio-Wein spiegelt einen umfassenderen Wandel wider, der sich in der argentinischen Landwirtschaft vollzieht und weit über den Weinbau hinausreicht.3
Olivenöl: Tradition trifft auf Nachhaltigkeit
Auch der argentinische Olivenölsektor, eine weitere Säule des landwirtschaftlichen Erbes des Landes, hat sich der biologischen Produktion verschrieben, um Qualität und Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Bio-Olivenöl wird aus Oliven hergestellt, die ohne synthetische Pestizide oder Düngemittel angebaut werden, und strenge Verfahren gewährleisten, dass es während der Verarbeitung zu keiner Verunreinigung kommt. Heraus kommt ein Öl, das den natürlichen Geschmack und die Nährwerte der Frucht bewahrt und gleichzeitig der wachsenden globalen Nachfrage nach reineren Lebensmitteln gerecht wird.
Argentiniens Olivenöle haben bereits internationale Anerkennung gefunden. Olivícola Laur gehört beispielsweise in der Rangliste der besten nativen Olivenöle (EVOO World Ranking) zu den 100 besten Olivenölproduzenten der Welt.
Auf dem Anwesen Cruz de Piedra von Laur sind einige Olivenbäume über 80 Jahre alt. Die Haine folgen einem traditionellen Pflanzsystem mit hohem Kronendach, das eine Ernte von Hand erfordert – ein arbeitsintensiver Prozess, der sowohl die Früchte als auch das umliegende Ökosystem schützt. Nach mehreren Jahren des Anbaus ohne Pestizide, Insektizide oder Kunstdünger steht der Betrieb derzeit kurz vor dem Abschluss seiner Umstellung auf die vollständige Bio-Zertifizierung.
Aus diesen Hainen stammt Gran Laur, ein Öl in limitierter Auflage, das aus sorgfältig ausgewählten Arauco-Oliven hergestellt wird, die im frühen Reifestadium geerntet werden. Mit einem Säuregehalt von unter 0,19 % und unverwechselbaren aromatischen Eigenschaften richtet sich das Öl an Kenner und Genießer, die außergewöhnliche Qualität suchen.
Andere Produzenten schlagen ähnliche Wege ein. In der Bodega Lagarde in der Region Luján de Cuyo in Mendoza werden die Oliven nach der toskanischen Methode verarbeitet, einem mechanischen Extraktionsverfahren, das darauf ausgelegt ist, Reinheit und Frische zu bewahren. Die daraus gewonnenen Öle verbinden fruchtige Olivennoten mit Anklängen von Tomate und reifer Banane und sind für ihre aromatische Komplexität bekannt.
Auch die Familia Zuccardi hat mit ihrer Zuelo-Linie, zu der das saisonale Novello Zuelo gehört, das jedes Jahr ganz frisch auf den Markt kommt, in die Produktion von Premium-Olivenöl expandiert. Hergestellt aus Arbosana-, Frantoio- und Arauco-Oliven, finden sich im Öl Aromen von grüner Tomate, Gras, Rucola, grünem Apfel und Mandeln, mit einem ausgewogenen und dennoch anhaltenden herb-würzigen Abgang.
Gemeinsam zeigen diese Produzenten, wie sich Argentiniens traditionelle Anbaukulturen durch ökologische Anbaumethoden weiterentwickeln können – eine Entwicklung, die sich auch im Milchsektor des Landes vollzieht.4
Von der Weide auf den Teller: Der Aufstieg des Bio-Rindfleischs in Argentinien
Argentiniens Identität als Rindfleisch-Großmacht entwickelt sich ebenfalls weiter. Heute verbindet eine neue Generation von Produzenten traditionelle Viehzucht mit biologischen und regenerativen Praktiken.
In General Las Heras in der Provinz Buenos Aires bewirtschaftet La Julia Organics rund 1.000 Red-Angus-Rinder, die 36 Monate lang auf chemiefreien Weiden aufgezogen werden. Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung beliefert der Betrieb sowohl den heimischen als auch den internationalen Markt und arbeitet mit einem Verarbeiter von Bio-Fleisch zusammen, der die Produkte zerlegt und vakuumverpackt. Sein regenerativer Ansatz unterteilt Grund und Boden in unterschiedliche Produktionsbereiche, wobei die Bodengesundheit durch Weidewechsel erhalten bleibt.
Das 2018 gegründete Unternehmen Don Edgardo verfolgt ein vernetztes Modell, arbeitet mit mehreren Rinderzüchtern in der Provinz Buenos Aires zusammen und koordiniert den Transport zu zertifizierten Schlachthöfen. Das Unternehmen bietet sowohl traditionelle Teilstücke als auch Premium-Optionen wie Tomahawk und Prime Rib an, die in den lokalen Carrefour-Supermärkten, Bioläden und Restaurants verkauft werden. Don Edgardo strebt zudem die Zertifizierung für verarbeitete Produkte wie Würstchen, Hamburger und panierte Schnitzel an.
Moo hingegen entstand in den 1960er Jahren, als die Schwestern Rachel und Pamela Schiele mit agroökologischer Landwirtschaft in der Provinz Córdoba begannen. Der seit 1992 bio-zertifizierte Betrieb wird heute unter der Stiftung Las Dos Hermanas geführt und umfasst mittlerweile Weidehaltung, Schlachtung und verarbeitete Produkte. Moo erreicht Verbraucher auf Events, z.B. das Lollapalooza-Musikfestival, außerdem in renommierten Restaurants, z.B. das Narda Comedor sowie in 30 Carrefour-Filialen und Fachgeschäften im Großraum Buenos Aires.
Gemeinsam zeigen diese Produzenten, wie argentinisches Rindfleisch in der Tradition verwurzelt ist und gleichzeitig ökologische, nachhaltige und innovative Praktiken verfolgt, die den modernen Verbraucheranforderungen gerecht werden.6
Ein boomender Exportmarkt
Argentiniens Bio-Industrie entwickelt sich zunehmend zu einer Exportmacht. Da die weltweite Nachfrage nach nachhaltigen Lebensmitteln weiter steigt, hat das Land seine Position als wichtiger Lieferant für die internationalen Märkte gestärkt.
Allein 2024 stiegen die Exporte zertifizierter Bio-Produkte um 25 % auf über 118.000 Tonnen und erreichten einen Umsatz von fast US $ 96 Millionen in 67 Zielgebieten weltweit.
Die Vereinigten Staaten bleiben der größte Abnehmer und machen mit 72.000 importierten Tonnen 56 % der Exporte im Jahr 2024 aus. Die Europäische Union folgt mit 24 %, während Kanada den dritten Platz einnimmt.
Laut United States International Trade Commission (USITC) werden die meisten argentinischen Bio-Lebensmittel in folgenden Städten verkauft: Charlotte (23,9 %), Baltimore (22,3 %), Philadelphia (12,3 %), Buffalo (11,5 %) und San Francisco (8,4 %). In den Vereinigten Staaten sind zertifizierte Bio-Produkte nicht auf Fachgeschäfte beschränkt, da sie auch in den meisten Supermarktketten neben Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukten und verarbeiteten Lebensmitteln erhältlich sind.
Nach den Vereinigten Staaten entfielen 26 % der Lieferungen auf die Europäische Union, wobei die Niederlande und Deutschland die Hauptabnehmer waren. Kanada belegte den dritten Platz und machte 4,5 % des Exportvolumens aus.
Der deutsche Markt für Bio-Fleisch: Tierwohl, Herkunft und Nachhaltigkeit prägen die KaufentscheidungZu den am häufigsten exportierten Bio-Produkten zählen Rohrzucker, Birnen, Wein, Birnenpüree und Äpfel. Allein Rohrzucker macht 39 % des gesamten Exportvolumens aus; im vergangenen Jahr wurden fast 50.000 Tonnen exportiert, wobei der Großteil für die Vereinigten Staaten bestimmt war. Die Produktion konzentriert sich weitgehend auf die nördlichen Provinzen Argentiniens, insbesondere Tucumán und Salta, wo die klimatischen Bedingungen ideal für den Zuckerrohranbau sind.
Auch der Obstexport spielt eine wichtige Rolle. Bio-Birnen werden vor allem in die Vereinigten Staaten und die Europäische Union geliefert, die jeweils jährlich rund 9.000 Tonnen importieren. Die Exporte von Birnenpüree erreichten im Jahr 2024 6.300 Tonnen, und Bio-Apfelpüree belief sich auf insgesamt etwa 460.000 Kilogramm.
Etwa 97 % der zertifizierten Bio-Produktion Argentiniens sind weiterhin für den Exportmarkt bestimmt, was die Position des Landes als wichtiger Akteur im globalen Handel mit Bio-Lebensmitteln festigt.7
Eine Zukunft, die in der Erde verwurzelt ist
Von den Weinbergen in Mendoza über Milchviehbetriebe in Patagonien bis zu den Zuckerrohrfeldern im Norden zeigt die Bio-Bewegung Argentiniens einen tiefgreifenden Wandel in der Art und Weise, wie Lebensmittel produziert und geschätzt werden. Was als Reaktion auf die Verbrauchernachfrage begann, hat sich zu einem umfassenderen Wandel in der Landwirtschaft entwickelt, der traditionelles Wissen mit modernen Nachhaltigkeitsprinzipien verbindet.
Für argentinische Erzeuger stellt der ökologische Landbau nicht nur eine wirtschaftliche Chance dar, sondern auch eine langfristige Investition in die Gesundheit des Bodens.
Da Verbraucher weltweit weiterhin Lebensmittel verlangen, die transparent, verantwortungsbewusst und ökologisch nachhaltig sind, deutet der wachsende Bio-Sektor Argentiniens darauf hin, dass die landwirtschaftliche Zukunft des Landes in der Nachhaltigkeit wie auch in der Tradition verwurzelt sein kann.
Quellen
1 “76% de los argentinos cree que lo orgánico es más saludable y mejor para el medio ambiente.” Economis. 14.03.2026.
https://economis.com.ar/76-de-los-argentinos-cree-que-lo-organico-es-mas-saludable-y-mejor-para-el-medio-ambiente/
2 “Alimentos orgánicos: Argentina se consolida como proveedor clave para EE.UU.” Mundo Empresas: Plataforma de Negocios. 13.03.2026.
https://mundoempresas.com.ar/alimentos-organicos-argentina-se-consolida-como-proveedor-clave-para-ee-uu/
3 “Argentina y su boom orgánico: del vino a la manzana, los 5 productos más exportados.” TN. 14.03.2026.
https://tn.com.ar/cocina/tendencias/2025/08/17/argentina-y-su-boom-organico-del-vino-a-la-manzana-los-5-productos-mas-exportados/
4 “Argentina crece en orgánicos: ¿Cuáles son los 5 alimentos más vendidos en el mundo?” Minuto de Cierre. 13.03.2026.
https://www.minutodecierre.com/nota/2025-8-18-7-24-0-argentina-crece-en-organicos-cuales-son-los-5-alimentos-mas-vendidos-en-el-mundo
5 “La producción de alimentos orgánicos mantiene su crecimiento en Argentina.” Agroempresario. 12.03.2026.
https://agroempresario.com/publicacion/69915/la-produccion-de-alimentos-organicos-mantiene-su-crecimiento-en-argentina/
6 “Carne orgánica: cortes con el sabor de antes” La Nación. 16.03.2026. https://www.lanacion.com.ar/lifestyle/carne-organica-cortes-sabor-antes-nid2243938/
7 “Argentina’s Commitment to Organic Food.” Argentina Travel. 13.03.2026.
https://www.argentina.travel/en/news/argentinas-commitment-to-organic-food
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