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Die Deckenstrahler werfen klares Licht in die Frankfurter Messehallen. Die Gänge sind gefüllt mit neugierigen Fachbesuchern, die zwischen den Ständen hindurchwandern. Allein an diesem Tag im Mai 2025 werden mehr als 10.000 Menschen die IFFA besuchen. An einer Seite der Halle 12 zieht ein besonders lebendiger Bereich die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich: der Stand des Deutschen Fleischer-Verbands. Eine ganze Reihe von Arbeitsinseln, die wie kleine Bühnen wirken, stehen hier Seite an Seite, geschmückt mit europäischen Landesflaggen.
An jeder einzelnen wird angespannt gearbeitet. Das Publikum, das sich rundum gesammelt hat, blickt in fokussierte Gesichter. Beobachtet konzentrierte Handgriffe. Jeder davon sitzt mit nahezu perfekter Sicherheit. Die Hände zittern nicht – sie wissen, was zu tun ist, kennen die Bewegungen, führen lange trainierte Abläufe aus. Auf den Arbeitsflächen entstehen nach und nach Fleischprodukte, die Kunstwerken gleichen: Filigran gefüllte Rollbraten, bunt garniertes Fingerfood, liebevoll dekorierte Spieße.
Auf einem Tisch abseits des Geschehens warten Pokale auf diejenigen, die ihr Handwerk von der besten Seite präsentieren.
Eine Farbe sticht in diesem Szenario hervor – unter den Teilnehmern genauso wie im Publikum. Rund zwei Dutzend junge Menschen in der gut besuchten Messehalle tragen leuchtendes Rot. Ihre Outfits sind mehr als nur Kleidung. Sie symbolisieren: Wir gehören zusammen, sind ein Team. Eine Nationalmannschaft.
Gemeinsamer Auftritt, große Wirkung
Genau wie jede Nationalmannschaft erzeugt auch das einheitliche Auftreten dieses Teams Aufmerksamkeit, wenn die Mitglieder gemeinsam über die Messe gehen: „Leute, die man gar nicht kennt, kommen auf einen zu, sprechen einen an, wollen auch mal ein Foto machen“, erzählt David Hilpert. Im obenstehenden Video ist er am Ende zu sehen – als strahlender Sieger bei der Qualifizierung für die EuroSkills 2025.
Der 24-jährige aus Bayern wurde im vergangenen Jahr im Rahmen der Independent Skills Championships Europe, dem europäischen Wettbewerb für handwerkliche Ausbildungsberufe, zum Europameister der Fleischer gekürt. In zahlreichen Disziplinen hat er über mehrere Tage sein Können bewiesen; vom Ausbeinen einer Rinderkeule und Zerlegen eines ganzen Lamms bis zum Herstellen von Fingerfood. Am Ende nahm er die Goldmedaille mit nach Hause.
Viele Spitzenprofis, ein Team
Die Auszeichnung für ihn als Einzelperson freut den jungen Metzgermeister naturgemäß sehr. Doch die größere Motivation, Teil der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks zu sein, seien die Momente im Team – wie der oben beschriebene Auftritt auf der vergangenen IFFA: „Man lernt Leute kennen, knüpft Kontakte. Teilweise sind Firmeninhaber und große Vertreter auf uns zugekommen. Da merkt man: Man fällt auf, man ist den Leuten nicht egal.“
Aufgefallen ist auch die 23-jährige Laura Reckmann aus Nordrhein-Westfalen – und zwar im weltweiten Vergleich. Bei den WorldSkills 2024 holte sie für die Nationalmannschaft die Silbermedaille: „Ich habe mich natürlich extrem gefreut“, erinnert sich die junge Fleischermeisterin und ausgebildete Köchin. Noch mehr strahlt sie jedoch, als sie von einem ganz anderen Erfolg berichtet: „Einer meiner Prüflinge ist nach der Gesellenprüfung bei der Deutschen Meisterschaft Zweiter geworden. Das hat mich sehr gefreut, dass der mit meinen Tipps weitergekommen ist.“
Tatsächlich spielt die Motivation des Nachwuchses für die Mitglieder der Nationalmannschaft eine viel größere Rolle als die eigene Teilnahme an Wettbewerben: „Das Ziel ist es, Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung und viel Jugendarbeit zu leisten“, erklärt David Hilpert. „Wir sind auf Messen unterwegs, auf Azubi-Tagen in Kombination mit Berufsschulen, auf öffentlichen Veranstaltungen, auch auf großen Events.“ Zum Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion waren sie eingeladen, haben Friedrich Merz die Hand geschüttelt, sich mit ihm austauschen können: „Die Chance bekommt nicht jeder.“
Den besten Nachwuchs finden
Für Erlebnisse wie diese investieren die Mitglieder der Nationalmannschaft gern Zeit, um ihr Handwerk zu repräsentieren. In der Regel ist jeder und jede von ihnen bei rund fünf öffentlichen Einsätzen im Jahr dabei. Dabei wird auf eine regional sinnvolle Verteilung geachtet, damit niemand aus Bayern nach Schleswig-Holstein reisen muss. Das ist dank der Größe des Teams gut möglich: 40 Mitglieder umfasst die 2018 gegründete Nationalmannschaft aktuell. „Da kann man deutschlandweit richtig gut was abdecken“, erklärt Team Manager Benjamin Pfister. Eine Altersgrenze gibt es nicht und wer schon sehr lange dabei ist, bleibt irgendwann im Hintergrund und überlässt dem Nachwuchs die öffentlichen Einsätze.
Neue junge Talente für die Mannschaft finden Benjamin Pfister und sein Team zum einen über die Landes- und Bundeswettbewerbe, zum anderen über einen eigenen Auswahlwettbewerb: „Wenn von den Landesverbänden junge Talente vorgeschlagen werden, die vielleicht nur Zweiter bei den Landeswettbewerben geworden sind oder an der Kammermeisterschaft gar nicht teilgenommen haben, können die parallel zur Deutschen Meisterschaft an diesem Auswahlwettbewerb teilnehmen.“ Es gehöre aber viel mehr dazu, als nur „eine gute Wurst“ zu machen: „Sie sollen sich präsentieren und frei reden können, ein bisschen Charisma haben, eine tolle Ausstrahlung.“
Die nächste Meisterschaft im Blick
Auf Hannes Maisel aus dem bayerischen Bad Berneck treffen alle diese Punkte zu. Der 20-jährige Fleischermeister ist durch sein aktuelles Leistungsniveau derzeit klarer Favorit als möglicher Teilnehmer für die EuroSkills 2027 in Düsseldorf. Die Vorbereitung sei kein einfaches Lernen wie bei einer Prüfung, sondern echtes Wettkampf-Training: „Es geht nicht darum, die Aufgaben zu schaffen. Es geht darum, dass wirklich alles genau passt, vom Rollbraten bis zum Zerlegen. Das heißt, dass man über die zwei, drei Tage Wettbewerb immer 110 Prozent gibt, nicht nur 100.“ Für die Wettbewerbe wird in Weiterstadt an der Fleischerschule intensiv trainiert, jeden Monat über mehrere Tage.
Der Druck sei groß, sagt Hannes Maisel, da er ja zwei sehr starke Vorgänger habe. Doch der Teamgeist ist größer: „Wir haben alle die gleichen Interessen und deswegen ist es mittlerweile wirklich eine riesige Freundesgruppe geworden“, fasst David Hilpert die gute Stimmung im Team zusammen, die Interessierte auch auf den Social-Media-Kanälen der Mannschaft verfolgen können1. Selbst beim Feierabendbier tausche man sich oft aus, lerne voneinander. „Ich nehme von jedem Treffen was Neues mit, wie andere es machen“, erzählt Laura Reckmann. Denn, und da sind die drei sich einig, es gibt sie tatsächlich, die eigene „Handschrift“ in ihrem Handwerk: „Als Laie sieht man keinen Unterschied“, so die Fleischermeisterin, „aber wir erkennen schon, von wem welches Produkt kommt.“
Die Faszination für das Handwerk
Dabei haben die Fleischermeister durchaus einen gewissen Spielraum, ihre „Handschrift“ auszuleben: „Ein Maurer zum Beispiel, der muss die Mauer so hochziehen, wie es im Plan steht. Und ein Elektriker kann nicht auf einmal ein Stromkabel anders anklemmen“, vergleicht Hannes Maisel. „Wenn wir aber etwas Neues entwickeln wollen, dann können wir es einfach probieren.“ Diese Freiheit gefällt dem Fleischermeister besonders an seinem Beruf. Und er freut sich, wenn er sie anderen verdeutlichen kann. „Man merkt gerade bei jungen Leuten, dass die einfach noch dieses falsche Image von unserem Metzgerberuf im Kopf haben.“ Er selbst hat einen Azubi, der gerade die Zubereitung von Rollbraten übt – und nach Wunsch befüllen darf: „Der war hellauf begeistert, weil er gemerkt hat, dass er sich hier auch ausprobieren darf. Diese Vielfältigkeit ist das, was uns im Handwerk ausmacht.“
Für Laura Reckmann ist es zusätzlich die Kombination aus Tradition und Moderne, die den Beruf so faszinierend macht: „Wir verwenden zum Teil Rezepte, die es seit 50 oder auch seit 100 Jahren gibt – und bringen dann einen modernen Twist rein.“ Bei ihr werde es nie langweilig: „Ich bin jeden Tag in der Zerlegung, in der Wurstproduktion, in der Kommissionierung, in der Küche, im Laden. Ich bin wirklich jeden Tag überall, und bei mir sieht trotzdem jeder Tag anders aus.“ Diese Ganzheitlichkeit ist es auch, die für David Hilpert eine große Rolle spielt: „Fleisch ist lebensmitteltechnisch ein extrem wertvoller Rohstoff. Wenn man sagen kann: Ich habe Produkte, die ich von vorne bis hinten komplett vertreten kann, da war ich von Anfang bis Ende dabei und kann das so an meine Kundschaft weitergeben – das ist einfach toll.“
Vom Praktikum in die Nationalmannschaft
Für junge Menschen, die sich für das Handwerk interessieren, hat der „Nationalspieler“ einen wertvollen Tipp: „Mach ein Praktikum, vielleicht auch zwei oder drei. Schau dir den Beruf wirklich vor Ort an, probiere es aus, vielleicht auch bei verschiedenen Betrieben.“
Und wenn es in der Lehrzeit doch einmal hapert? „Durchbeißen lohnt sich“, meint der Europameister. Diese Begeisterung für ihr Handwerk weiterzugeben, ist vermutlich die wichtigste Aufgabe der Nationalmannschaft. Denn wer dranbleibt, kann im Fleischerhandwerk weit kommen – und eines Tages selbst zum Botschafter seines Handwerks im leuchtend roten Outfit werden.
Quellen
1 TikTok-Kanal der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks 31.03.2026.
Fotos: © Deutscher Fleischer-Verband e.V.
Menschen im Fleischerhandwerk
Ähnlich vielfältig wie die Aufgaben im Fleischerhandwerk sind die Menschen, die mit Fleisch arbeiten und Fleischprodukte verkaufen.
Unsere weltweite Serie porträtiert kreative und geschickte Köpfe vom Traditionsmetzger bis zum Quereinsteiger.