Lesedauer: 3 Minuten
Herr Hensgen, die Gründung von QS als Reaktion auf die BSE-Krise haben wir im Hauptartikel bereits eingeordnet. Hier würde ich gern auf die operative Praxis schauen: Wie wird Rückverfolgbarkeit im Alltag belastbar gemacht?
Der QS-Ansatz ist stufenübergreifend. Wir betrachten die gesamte Kette. Andere Systeme zertifizieren oft nur einzelne Stufen. QS verbindet die Stufen miteinander und definiert Zuständigkeiten entlang der Kette. Entscheidend ist, dass Rückverfolgbarkeit nicht als Papierprozess geführt wird. Wir arbeiten mit klaren Vorgaben für Methodik, Dokumentation und Mengenabgleich. Die Anforderungen gelten unabhängig von der Betriebsgröße. Ob klein oder groß: Daten müssen vorhanden, plausibel und authentisch sein. Genau das wird regelmäßig geprüft.
Was heißt „geprüft“ konkret?
Über mehrere Ebenen. Erstens betriebliche Eigenkontrolle. Zweitens externe Audits. Drittens Sonderaudits, wenn es Hinweise auf Abweichungen gibt. Zusätzlich führen wir Rückverfolgbarkeitstests durch. Das Ziel ist nicht nur Formalerfüllung, sondern belastbare Handlungsfähigkeit.
Viele Unternehmen sagen, zusätzliche Prüfungen erzeugen vor allem Bürokratie. Wo entsteht aus Ihrer Sicht der konkrete Effekt?
Der Hebel liegt in der Risikoorientierung. Wir prüfen nicht starr nach Schema F, sondern priorisieren. Betriebe mit dauerhaft guten Ergebnissen können anders bewertet werden als Betriebe mit Auffälligkeiten. Wenn Abweichungen auftreten, wird enger kontrolliert. Dadurch werden Ressourcen dort eingesetzt, wo das Risiko tatsächlich höher ist.
Das klingt nach Steuerung über Daten, nicht nur über Checklisten.
Und deshalb ist für uns Monitoring so wichtig. QS ist nicht nur Auditierung. Wir binden Monitoring-Verfahren systematisch ein, etwa Salmonellen-Monitoring, Befunddaten oder Antibiotika-Monitoring. Daten werden ausgewertet und stufenübergreifend zurückgespielt, zum Beispiel vom Schlachthof in Richtung Landwirtschaft. Dadurch entsteht ein Lernprozess über die Kette.
Das heißt, der Mehrwert liegt auch in Feedbackschleifen?
Wenn Daten nur gesammelt werden, ohne Rückführung in Entscheidungen, bleibt Wirkung liegen. Erst die Rückkopplung macht aus Kontrolle kontinuierliche Verbesserung.
Wie gehen Sie mit internationalen Lieferketten um? Gerade dort wird Rückverfolgbarkeit schnell unübersichtlich.
Lieferketten enden nicht an Landesgrenzen. Deshalb braucht man einheitliche Anforderungen über Stufen und Herkunft hinweg. Für QS gilt: Jeder Betrieb kann teilnehmen, wenn die Anforderungen erfüllt sind. Es gibt keine Sonderregeln je nach Herkunft, sondern einheitliche Kriterien. Das ist wichtig für Verlässlichkeit und Fairness.
Ein stark nachgefragtes Thema bei den Verbrauchern ist das Tierwohl. Wie lässt sich das in Daten fassen?
Man kann Befunddaten nutzen und gezielt auswerten. Es lassen sich auch in den Audits, gerade auf dem Schlachthof, nochmal Schwerpunkte setzen, wo es dann um Tierschutz geht, etwa die Betäubungsqualität.
Kritiker sagen: In heterogenen Ketten ist Vergleichbarkeit kaum erreichbar.
Vergleichbarkeit entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Technologie nutzen, sondern dadurch, dass Ergebnisse nachvollziehbar und prüfbar sind. Wir schreiben keine konkrete Einzellösung vor. Wir definieren Zielniveau und Nachweisqualität. Ein hochautomatisierter Großbetrieb und ein kleinerer Betrieb können unterschiedliche Werkzeuge einsetzen – solange die Rückverfolgbarkeit im Audit belastbar ist.
Also technologieneutral, aber nachweisorientiert.
Für uns zählt, ob das System zur Betriebsrealität passt und im Ernstfall trägt.
In der öffentlichen Debatte hört man oft: Wenn genug Daten da sind, lassen sich Rückrufe vermeiden. Teilen Sie das?
In dieser Absolutheit nicht. Rückrufe lassen sich nicht einfach „wegdigitalisieren“. Technologie und Daten können frühe Erkennung verbessern, Eingrenzung präzisieren und Reaktionsgeschwindigkeit erhöhen. Aber Voraussetzung ist immer: Das eingesetzte System ist validiert und funktioniert zuverlässig. Scheinsicherheit ist ein Risiko.
Fotos: QS Qualität und Sicherheit GmbH/www.q-s.de