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Nach Angaben der European Fat Processors and Renderers Association (EFPRA) ist bis zur Hälfte jedes für die Lebensmittelerzeugung gehaltenen Tieres nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt. Dazu gehören Häute, Knochen, Blut, Fettgewebe und Innereien, die als tierische Nebenprodukte anfallen. Jährlich sammeln die Mitgliedsbetriebe des Verbands EFPRA in Europa und dem Vereinigten Königreich jährlich 18 Millionen Tonnen tierische Nebenprodukte und verarbeiten sie, überwiegend zu Futtermitteln, Düngern und Kraftstoffen.1
| Nebenstrom | Gewonnene Inhaltsstoffe | Beispiele für Lebensmittelanwendungen |
|---|---|---|
| Blut | Blutplasma, Hämoglobin | Fleischprodukte, Proteinzutaten |
| Haut & Schwarte | Kollagen, Gelatine | Süßwaren, Desserts, Nahrungsergänzung |
| Knochen | Gelatine, Mineralstoffe | Gelatine, Lebensmittelzutaten |
| Sehnen & Knorpel | Kollagenpeptide | Functional Food, Proteinprodukte |
| Fettgewebe | Tierische Fette | Backwaren, Margarine, Aromen |
| Fleischabschnitte | Fleischproteine | Wurstwaren, Fleischprodukte |
Eine europäische Gesamtstatistik zur Rückführung dieser Materialien in die Lebensmittelproduktion existiert nicht. Diskutiert wird der Weg als Upcycling; fachlich lässt er sich genauer fassen. Eine vom Schweizer Bundesamt für Umwelt beauftragte Ökobilanzstudie unterscheidet nach einer Systematik von Beretta und Hellweg zwei Richtungen:
Valorisierung bezeichnet die Verarbeitung eines Koppelprodukts* (*Materialien, die bei der Schlachtung zwangsläufig neben dem Fleisch anfallen) zu Lebensmitteln,
Verwertung die Verarbeitung zu Erzeugnissen, die nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt sind.²
Biogas fällt unter Verwertung, Gelatine unter Valorisierung.2
Der Moment der Einstufung
Welcher dieser beiden Wege offensteht, entscheidet sich früher, als es die Anlagentechnik vermuten lässt. Ob ein Materialstrom lebensmitteltauglich bleibt, hängt nicht von der späteren Aufbereitung, sondern vom Status ab, den er im Moment der Schlachtung erhält.
Die Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 teilt tierische Nebenprodukte nach dem Gesundheitsrisiko in drei Kategorien ein.3 Kategorie 3 weist das geringste Risiko auf und erfasst unter anderem Material von Tieren, die bei der Schlachtung als genusstauglich beurteilt wurden. Für eine Rückführung in die Lebensmittelproduktion kommt allein dieses Material infrage. Die EFPRA umschreibt diese Kategorie als Material, das zum Zeitpunkt der Schlachtung für den menschlichen Verzehr geeignet ist.1 Maßgeblich ist damit ein Zeitpunkt, nicht ein Zustand.
Wird ein Materialstrom als Futtermittel deklariert oder nicht getrennt und gekühlt erfasst, verlässt er die Lebensmittelkette. Eine spätere Rückführung sieht die Verordnung nicht vor, unabhängig vom tatsächlichen Zustand des Materials.
Wie weit diese Weichenstellung von der technischen Machbarkeit entfernt liegt, zeigt ein Beispiel aus der Schweizer Untersuchung: Innereien sind verzehrsgeeignet und erfordern keine aufwendige Aufbereitung. Da die Nachfrage gering ist, gehen sie laut Studie überwiegend in den Export oder werden als Kategorie-3-Schlachtabfall eingestuft.2 Das Verfahren wäre vorhanden. Die Nachfrage ist es nicht.
Fleisch aus Knochen
Fällt die Entscheidung zugunsten der Lebensmittelkette aus, beginnt die Rückgewinnung dort, wo am wenigsten verarbeitet werden muss.
Auf der untersten Stufe wird Muskelgewebe zurückgewonnen, das nach dem Entbeinen an den Knochen haftet. Der Anlagenbauer BAADER beschreibt sein Refiner-Verfahren als schonende Trennung weicher von festen Bestandteilen: Die weichen Anteile treten durch Lochbleche aus, während die Knochen nach Herstellerangaben nicht zerkleinert oder pulverisiert werden.4 Jos Bongers, Area Sales Manager Benelux und DACH, formuliert es so: „Dabei werden die am Knochen verbliebenen Fleischreste effizient geerntet, während die natürliche Fleischstruktur weitgehend erhalten bleibt."5 Optisch ähnelt das Erzeugnis Hackfleisch, nicht der feinen Masse, die entsteht, wenn das Restfleisch unter hohem Druck vom Knochen gepresst wird.
Für die rechtliche Einordnung spielt dieser optische Unterschied jedoch keine Rolle. Der Europäische Gerichtshof entschied 2014 in der Rechtssache C-453/13, dass solches Material als Separatorenfleisch einzustufen ist, sobald das Verfahren die Muskelfaserstruktur stärker verändert, als es an Schnittflächen geschieht – unabhängig davon, ob die Knochenstruktur unversehrt bleibt. Eine Einstufung als Fleischzubereitung schließt das Urteil aus.6
Für Rinder, Schafe und Ziegen ist das Verfahren ohnehin ausgeschlossen: Die „Verordnung über transmissible spongiforme Enzephalopathien“, eine Gruppe von Erkrankungen des zentralen Nervensystems, untersagt die Gewinnung von Separatorenfleisch aus deren Knochen.7 Bei allen übrigen Tierarten muss das Erzeugnis als Separatorenfleisch mit Angabe der Tierart gekennzeichnet werden.
Wertlos ist das Material damit nicht: Wenn das Verfahren die Knochenstruktur nicht verändert und der Kalziumgehalt nahe dem von Hackfleisch liegt, darf das Erzeugnis bei entsprechendem mikrobiologischem Nachweis in Fleischzubereitungen eingesetzt werden, die vor dem Verzehr erhitzt werden, sowie in Fleischerzeugnissen. Für Material aus anderen Verfahren kommen allein hitzebehandelte Fleischerzeugnisse in Betracht.8
Nicht die Technik entscheidet also allein über den Wert des Materials, sondern die rechtliche Einstufung, die auf sie folgt. Auf der nächsten Stufe wird der Spielraum noch kleiner.
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Verwertung von Blutfraktionen: Plasma und Hämoglobin
Hier wird der Materialstrom nicht mehr als Ganzes zurückgewonnen, sondern in seine Bestandteile zerlegt − beim Blut etwa in Plasma und Hämoglobin. Das Zeitfenster dafür ist eng.
Rechtlich zählt Blut zum Fleisch: Die Verordnung (EG) Nr. 853/2004 nennt Blut ausdrücklich als Teil der genießbaren Bestandteile der Schlachttiere.9 Praktisch entscheidet sich der weitere Weg innerhalb kurzer Zeit: Gewonnen wird unmittelbar am Schlachtband unter lebensmittelhygienischen Bedingungen, mit sofortiger Stabilisierung und Kühlung. Wird dieses Zeitfenster überschritten, ist das Blut physikalisch unverändert – rechtlich aber kein Lebensmittel mehr. Diese Entscheidung ist unumkehrbar: Was einmal als tierisches Nebenprodukt eingestuft ist, darf nicht in die Lebensmittelkette zurück.
Zentrifugal wird das Blut dann in flüssiges Plasma und die zellulären Bestandteile mit dem Hämoglobin zerlegt; beide Fraktionen werden sprühgetrocknet.
Das Sortiment des italienischen Herstellers Haripro zeigt, wie unterschiedlich sich die Fraktionen einsetzen lassen. Plasmaproteine bietet das Unternehmen mit 70 und 80 Prozent Proteingehalt an; sie sind wasserlöslich, weisen nach Firmenangaben einen hohen Immunglobulingehalt auf und dienen der Fleischwarenindustrie als Funktionalprotein. Aus der zellulären Fraktion entstehen zwei Erzeugnisse: ein dunkelrotes, gut lösliches Hämoglobin-Pulver, das als Farbstoff für die Fleischindustrie vermarktet wird, sowie ein durch Hydrolyse gewonnenes weißes Proteinpulver, das sich als natürlicher Aromaträger eignet.10
Die Funktionalität des Plasmas hat die KU Leuven an einem Brühwurst-Modell untersucht. Entfällt das Phosphat ersatzlos, steigt der Kochverlust von 0,6 auf 5,7 Prozent. Ein Zusatz von zwei Prozent Blutplasma senkt ihn auf 0,9 Prozent; statistisch besteht damit kein Unterschied zur phosphathaltigen Referenz.11
Beim Hämoglobin schließt sich ein Kreis: Der Nebenstrom kehrt als Färbemittel in das Erzeugnis zurück, aus dem er stammt. Beides − Plasma wie Hämoglobin − entsteht allein durch mechanisches Auftrennen des Blutes, ohne chemischen Aufschluss.
Von der Schwarte zur Gelatine
Bei kollagenhaltigem Material reicht die mechanische Trennung nicht mehr aus. Kollagenhaltiges Material muss chemisch aufgeschlossen werden, damit sich das Kollagen herauslösen lässt. Je nach Rohstoff und Qualität kann dies von einem Tag bis zu mehreren Monaten dauern.
Nach Angaben der Gelatine Manufacturers of Europe stammen rund 80 Prozent der in Europa hergestellten Speisegelatine aus Schweineschwarten und weitere 15 Prozent aus Spalt, der dünnen kollagenhaltigen Schicht der Rinderhaut, die sich zwischen Oberhaut und Unterhautgewebe befindet. Auf Schweine- und Rinderknochen sowie Fisch entfallen zusammen 5 Prozent der Speisegelatine.12
Die Vorbehandlung richtet sich nach dem Ausgangsmaterial: Rinderbindegewebe ist dicht vernetzt und wird nach Verbandsangaben mehrere Wochen alkalisch behandelt; bei Schweinebindegewebe genügt ein Tag Säurebehandlung.
Extrahiert wird mit heißem Trinkwasser, dessen Temperatur die spätere Gelstärke bestimmt.12 Beim Hersteller PB Leiner dauert der Gesamtprozess für bestimmte Qualitäten bis zu sechs Monate.13
Aus den beiden Verfahrenswegen gehen Zutaten mit unterschiedlichem Einsatzbereich hervor. Jede Gelatine hat einen pH-Wert, bei dem sie sich elektrisch neutral verhält - den isoelektrischen Punkt. Bei Typ-A-Gelatine aus saurem Aufschluss liegt er zwischen pH 8 und 9, bei Typ-B-Gelatine aus alkalischem Aufschluss zwischen pH 4,8 und 5,4.14 Ober- und unterhalb dieses Werts verhält sich die Gelatine anders. Der Verarbeiter wählt den Typ deshalb passend zum pH-Wert seiner Rezeptur.
Gebräuchlich sind drei Produktstufen: Gelatine als Gelier- und Stabilisierungsmittel, etwa in Frucht- und Weingummis; Kollagenpeptide aus weiterer enzymatischer Hydrolyse, die nicht mehr gelieren, sich dafür in kaltem Wasser lösen und nahezu geschmacksneutral bleiben-deshalb lassen sie sich in Getränken, Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetik verwenden. Zum Einsatz kommen ebenfalls essbare Filme und Därme für Fleisch- und Wurstwaren, wie sie Devro herstellt – seit 2023 Teil der SARIA-Gruppe.15
Auch die Rückstände der Kollagenproduktion werden genutzt: Gelita gewinnt daraus nach eigenen Angaben reine Phosphate für Düngemittel, Proteine, die für die Aquakultur vorgesehen sind, und Fette für erneuerbare Biokraftstoffe.16
Der Markt dafür konsolidiert sich. Darling Ingredients und die Tessenderlo Group führen ihre Kollagen- und Gelatinegeschäfte Rousselot und PB Leiner unter dem Namen Nextida zusammen17; das Bundeskartellamt gab den Zusammenschluss am 27. April 2026 frei.18
Nebenstromverwertung aus Sicht fleischverarbeitender Betriebe
Stärken und Schwächen betreffen den Betrieb selbst, Chancen und Risiken sein Umfeld. Grafik: Zhanar Sadyk
Für fleischverarbeitende Betriebe beginnt die Frage nach der Nutzung von Nebenströmen nicht erst in der Verarbeitung, sondern bereits bei der Schlachtung. Getrennte Erfassung, schnelle Kühlung und lückenlose Rückverfolgbarkeit bestimmen, welche Ströme lebensmitteltauglich anfallen. Diese Weichenstellung ist unumkehrbar: Was einmal aus der Lebensmittelkette ausgeschleust ist, bleibt Futtermittel oder technisches Produkt.
Ob sich der Aufwand lohnt, entscheidet die Anwendung. Jede Fraktion19 hat ihre eigene Funktion.. So bindet Plasmaprotein Wasser, auch nach dem Erhitzen und senkt den Phosphateinsatz in der Brühwurst. Gelatine kann das nicht, ihr Gel schmilzt beim Brühen.
Mehr Verarbeitung bringt also nicht automatisch mehr Ertrag. Entscheidend ist, welchen Stoff ein Nebenstrom in der jeweiligen Rezeptur ersetzt – und ob sich die Umstellung bei der eigenen Betriebsgröße und dem eigenen Stoffaufkommen rechnet.
Die Verfahren stehen bereit. Der Engpass liegt nicht in der Aufbereitungstechnik, sondern am Schlachtband.
Quellen
1 Processing ABPs, European Fat Processors and Renderers Association (EFPRA), 25.07.2026 (only available in English language)
2 Vergleichende Ökobilanzen: Valorisierung von Nebenströmen in der Lebensmittelindustrie, Maeder, S.; Vukasinovic, E.; Jamet, S.; Alig, M., Intep – Integrale Planung GmbH im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU), Abschlussbericht vom 17.04.2025. Begriffsdefinitionen nach Beretta & Hellweg (2019), Kap. 2.1; Innereien Kap. 2.4; Ergebnisse Tab. 43; Einordnung Kap. 4.1; kritische Prüfung im Anhang. Abgerufen 27.07.2026 (only available in German language)
3 Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 mit Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische Nebenprodukte, Europäisches Parlament und Rat, 21.10.2009, ABl. L 300 vom 14.11.2009, S. 1. Abgerufen 28.07.2026
4 BAADERING Technology – The Gentle Method of Product Refinement, BAADER, Unternehmensinformation Poultry Processing, Dok.-Nr. 0122 02 EN, baader.com, 03.08.2026 (only available in English language)
5 Jos Bongers, Area Sales Manager BeNeLux und DACH, BAADER: schriftliches Interview mit Autorin, Juli 2026
6 Urteil in der Rechtssache C-453/13, The Queen auf Antrag von Newby Foods Ltd gegen Food Standards Agency, Europäischer Gerichtshof, 16.10.2014, 01.08.2026
7 Verordnung (EG) Nr. 999/2001 mit Vorschriften zur Verhütung, Kontrolle und Tilgung bestimmter transmissibler spongiformer Enzephalopathien (TSE), Europäisches Parlament und Rat, 22.05.2001, in der geltenden Fassung. Abgerufen 29.07.2026. Zur Auslegung: Lebensmittel: Separatorenfleisch, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Stand 02.10.2023, abgerufen 04.08.2026 (only available in German language)
8 Verordnung (EG) Nr. 853/2004 mit spezifischen Hygienevorschriften für Lebensmittel tierischen Ursprungs, Anhang III Abschnitt V Kapitel III Nrn. 3 und 4, 30.07.2026
9 Verordnung (EG) Nr. 853/2004 mit spezifischen Hygienevorschriften für Lebensmittel tierischen Ursprungs, Europäisches Parlament und Rat, 29.04.2004, ABl. L 139 vom 30.04.2004, Anhang I Nr. 1.1; Definition des Separatorenfleischs ebenda Anhang I Nr. 1.14. Abgerufen 30.07.2026
10 Food ingredients of bovine origin und Food ingredients of porcine origin, Haripro S.p.A., 31.07.2026 (only available in English and Italian language)
11 Phosphate Elimination in Emulsified Meat Products: Impact of Protein-Based Ingredients on Quality Characteristics, Goemaere, O.; Glorieux, S.; Govaert, M.; Steen, L.; Fraeye, I., Foods 10(4):882, 2021, doi 10.3390/foods10040882. Brühwurst-Modell, Referenz mit 0,171 % P₂O₅, Proteinzusatz jeweils 2 g/100 g; Kochverlust nach Tab. 1. Finanzierung zu 80 % durch Flanders Food und die flämische Innovationsagentur, zu 20 % durch die flämische Fleisch- und Zutatenindustrie; eingesetztes Blutplasma von Veos, Gelatine von Rousselot. Abgerufen 02.08.2026 (only available in English language)
12 Herstellung von Gelatine, Gelatine Manufacturers of Europe (GME), Stand der Seite 31.01.2024, 27.07.2026
13 PB Leiner, Tessenderlo Group, 30.07.2026 (only available in English language)
14 Schrieber, R.; Gareis, H.: Gelatine Handbook. From Collagen to Gelatine. Weinheim: 2007 (only available in English language)
15 SARIA erweitert Portfolio mit der Übernahme von Devro, SARIA SE & Co. KG, Pressemitteilung vom 14.04.2023, 26.07.2026
16 Fette, Proteine, Mineralien, GELITA AG, 29.07.2026
17 Darling Ingredients and Tessenderlo Group sign definitive agreements to form new company, Darling Ingredients Inc., Pressemitteilung vom 10.12.2025, 28.07.2026 (only available in English language)
18 Darling Ingredients kann Kontrolle über PB Leiner erwerben, Bundeskartellamt, Pressemitteilung vom 27.04.2026, 03.08.2026
19 Fraktion bezeichnet die Trennung des Blutes oder Blutplasmas in seine Bestandteile oder bestimmte Eiweißgruppen.
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