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Sarah Wiener über Flexitarismus

„Ich brauche keine Schubladen“

13.07.2026

Sarah Wiener im Foodtech Now!-Interview über ihre natürliche Nähe zum Flexitarismus, warum sie hochwertigem Fleisch nie abgeschworen hat und welche Vorbehalte sie gegenüber Fleischersatzprodukten hat.

Lesedauer: 6 Minuten

Sarah Wiener
Foto: Sarah Wiener Stiftung | photothek

Was ist für Sie gutes Essen? 

Gutes Essen ist für mich, einfach gesagt, etwas, das schmeckt und meine geistige, seelische und körperliche Gesundheit fördert und damit auch die Gesundheit der Mitwelt. Das gehört zusammen.

Wie weit entspricht Flexitarismus diesem Ideal?

Wenn man Flexitarismus überhaupt definieren will, ist es für mich im Grunde die natürliche Ernährung: frisch, bunt, vielfältig, mit Grundnahrungsmitteln gekocht, und ab und zu gutes Fleisch aus besserer Tierhaltung. So verstanden, halte ich diese Ernährungsform für eine der gesündesten. Ich habe aber Mühe mit Schlagworten, weil sie sehr dehnbar sind. Ich brauche kein Label und keine Definition, um zu wissen, wie ich gut essen soll.

Muss man kochen können, um flexitarisch zu leben?

Man muss nicht zwingend selbst kochen können. Es kann auch der Partner kochen, die Partnerin, die Familie. Aber ohne Quelle für frisches, selbstgekochtes Essen wird es schwierig. Denn wenn ich nur hochverarbeitete Fertigprodukte esse, kann ich mich Flexitarier nennen und trotzdem ungesund essen. Dann stärke ich weder mich selbst noch Umwelt oder Klima. Deshalb ist Kochen so wichtig. Selber kochen ist auch ein Befreiungsakt, weil es unabhängiger macht von einer Industrie, die uns etwas serviert, bei dem wir kaum noch wählen können, ob wir das essen wollen.

Sarah Wiener in der Küche
Foto: Sarah Wiener Stiftung | photothek

Sind Ihre Kochbücher eigentlich flexitarisch?

Ja, alle meine Kochbücher sind im Grunde flexitarische Kochbücher. Mit Schwerpunkt auf vegetarischer Küche und ein paar Fleisch- oder Fischrezepten. Das ist seit 30 Jahren so. Aber ich werde den Begriff Flexitarismus nicht groß benennen. Ich mag es nicht, wenn etwas, das einfach gelebt wird, in Schubladen kommt.

Würden Sie sich selbst als Flexitarierin bezeichnen?

Wenn ich in einem Fragebogen ankreuzen müsste, würde ich mich wahrscheinlich als Flexitarierin bezeichnen. Aber das sagt noch sehr wenig aus. Es sagt nicht, wie ich konkret esse, ob ich gut esse, ob ich frisch koche, welche Qualität die Lebensmittel haben. Für manche kann so ein Begriff hilfreich sein. Wenn er motiviert, weniger Fleisch und dafür besseres Fleisch zu essen, ist das gut. Aber im Kern lernt man gut essen nicht durch Etiketten, sondern durch Erfahrung, Geschmack, Wissen und Praxis.

Könnte man Sie vielleicht sogar als Erfinderin des Flexitarismus bezeichnen?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Aber meine lange Geschichte mit dem, was man heute Flexitarismus nennt, kommt daher, dass ich schon vor 40 Jahren ein Missverhältnis gesehen habe: die Vielfalt von Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Getreide, Pilzen und Kräutern auf der einen Seite, diesen übergroßen Fleischkonsum auf der anderen. Mich hat immer gestört, dass Fleisch das Zentrum ist und Gemüse als Beilage diskriminiert wird. Das beschränkt die Fantasie der Menschen und der Köchinnen und Köche. In meinen Kochsendungen habe ich deshalb oft vegetarisch gekocht, weil die anderen schon genug Fleisch und Fisch gemacht haben. Heute ist es populärer, Fleisch zu reduzieren und aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Pilzen und anderen pflanzlichen Lebensmitteln etwas Köstliches zu machen. Früher wussten viele gar nicht, wie man eine Aubergine oder Melanzani in den Mittelpunkt einer Mahlzeit stellen soll.

Kann der Flexitarismus eine echte Ernährungswende bringen?

Der Begriff ist dehnbar. Man kann sich schon Flexitarier nennen, weil man einmal ein vegetarisches Essen ohne Fleisch gegessen hat. Gleichzeitig glaube ich, dass viele Menschen heute ein Bewusstsein dafür haben, was ihnen gut tut und was gut für die Mitwelt ist. Viele wollen weniger Fleisch essen, auch weil gutes biologisches Fleisch teuer ist und weil man billiges Fleisch aus unbekannter Herkunft eigentlich nicht essen möchte. Das Schwierige ist: Viele Menschen haben nicht die Routine, aus vegetarischen Lebensmitteln etwas Gutes zu kochen. Sie wissen nicht, wie Fleisch nur noch Beiwerk sein kann. Da gibt es eine Sehnsucht, aber oft fehlt die Praxis.

Foto: Sarah Wiener Stiftung

Warum halten Sie am Fleisch fest?

Ich mag Fleisch. Fleisch hat Inhaltsstoffe, die pflanzliche Lebensmittel nicht in gleicher Weise haben. Fleisch ist ein sehr potentes Lebensmittel. Wenn ich vegetarisch aufgewachsen wäre, würde ich vielleicht kein Fleisch essen. Aber ich kenne die verschiedenen Geschmäcker von Fleisch, die Unterschiede in Verarbeitung und Tierhaltung. Deshalb gehe ich achtsam damit um. Für mich ist Fleisch im Prinzip das kostbarste Lebensmittel, das wir haben. Solange ich mir Fleisch von gut gehaltenen Tieren leisten kann, werde ich auch ein bisschen Fleisch essen. Nur essen wir insgesamt viel zu viel Fleisch, das ist völlig aus dem Ruder gelaufen.

„Den Luxus unserer Ernährungsdiskussionen muss man sich auch leisten können.“

Was stört Sie an Fleischersatzprodukten?

Sehr vieles. Es geht nicht nur darum, dass diese Produkte industriell sind. Es geht um Monopolisierung, Patentierung und eine Verarmung des Geschmacks. Hochkonzentrierte Pflanzenproteine und Fasern sind oft schwer verdaulich, teilweise schwerer als Fleisch. Unser Stoffwechsel hat solche Produkte über lange Zeit nicht als Lebensmittel kennengelernt. Wir wissen noch gar nicht, was es bedeutet, wenn wir nicht mehr wirklich Lebendiges essen, sondern temperiertes, hocherhitztes, homogenisiertes, zerteiltes und durch einen Extruder gedrücktes Essbares. Die Industrie baut Aromen nach. Sie nimmt einige Aromamoleküle und sagt: Das ist Mangogeschmack. Eine echte Mango hat aber hunderte Aromastoffe. Da gehen Reichtum, Vielfalt, Tiefe und vielleicht auch eine Körperintelligenz verloren: Was tut mir gut?

Essen ist nicht nur Geschmack und Gesundheit. Es ist Kultur, Identität, Teilhabe und Handwerk.
 

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Können Fleischersatzprodukte kulinarisch wichtig werden?

Meine Antwort ist ziemlich eindeutig: nein. Natürlich kann man alles würzen und aufpimpen. Für mich sind Fleischersatzprodukte schlechte Kopien eines Originals. Sie sind keine Lösung für die Ökologisierung, sondern ein neuer Industriezweig. Oft steckt sogar die Fleischindustrie selbst dahinter.

„Flexitarismus wäre eigentlich die natürliche Lebensweise für alle Menschen“

Foto: Sarah Wiener Stiftung | photothek

Ist Flexitarismus etwa nur ein bürgerliches Distinktionsmerkmal?

So sehe ich das nicht. Flexitarismus war, glaube ich, die natürliche Lebensweise für alle Menschen. Er ist durch Industrialisierung, Konsum und Produktion verloren gegangen. Der natürliche Flexitarismus ist deshalb ein Weg in die Zukunft und muss Teil von Ernährungsgerechtigkeit sein.

Aber wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass wir zu den wenigen Prozent gehören, denen es global gesehen sehr gut geht. Auch bei uns gibt es Menschen, die sich Bio-Gemüse oder gutes Fleisch nicht leisten können.

Wenn man in andere Länder schaut, wird unsere Diskussion fast absurd. Dort kämpfen Menschen jeden Tag um ihre Existenz. In manchen Ländern essen sie dreimal am Tag eine Handvoll Reis, vielleicht etwas Grün dazu, und tierisches Eiweiß ist ein Fest.

Was bedeutet die Spaltung der Gesellschaft beim Essen?

Die Spaltung zeigt sich bei uns und global. Bei uns können sich manche alles leisten, andere müssen jeden Euro umdrehen. Gleichzeitig benutzt ein Teil der Gesellschaft Ernährung als Abgrenzung, als Definition dessen, wer man ist: Flexitarier, Vegetarier, Omnivore, Pescetarier, Steinzeitkost, High Protein, vegan. Ich halte es für einen Abweg, wenn Ernährung zum Lebensinhalt und Distinktionsmerkmal wird. Wünschenswert wäre, wenn wir alle wieder gesünder, frischer und normaler essen könnten. Und wenn nicht nur wenige die Wahl zwischen gespritzt und ungespritzt hätten, sondern alle Menschen gesund essen könnten, ein Dach über dem Kopf hätten und nicht jeden Tag um ihre Existenz kämpfen müssten. Das wäre ein Traum. Aber so ist es eben nicht.
 

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Über Sarah Wiener

Sarah Wiener
Foto: Sarah Wiener Stiftung | photothek

Sarah Wiener steht heute vor allem für Ernährungsbildung, Lebensmittelqualität, Ernährungssouveränität, Tier- und Bodenschutz. Ihre Stiftung arbeitet bundesweit mit Kitas, Schulen und Familien und nennt 40.000 Fachkräfte, 19.000 Einrichtungen und 1,85 Mio. erreichte Kinder. Im EU-Parlament saß sie 2019 bis 2024 für die Grünen/EFA, war im Agrarausschuss, stellvertretend u. a. im Umweltausschuss und Berichterstatterin zur nachhaltigen Nutzung von Pflanzenschutzmitteln.

Weiter arbeitet Sarah Wiener als erfolgreiche Kochbuchautorin, Zeitungskolumnistin und tritt häufig in digitalen Kanälen auf.

Sarah Wieners Skepsis gegenüber Fleischersatzprodukten zielt vor allem auf starke Verarbeitung, Intransparenz und Entfremdung vom Selberkochen.

Ernährungsformen im Überblick 

Vegetarische Ernährung verzichtet auf Fleisch und Fisch. Die verbreitete ovo-lacto-vegetarische Form umfasst zusätzlich Eier und Milchprodukte. Diese können Protein, Calcium und Vitamin B12 beitragen. Bei der Auswahl der Lebensmittel ist besonders auf den Gehalt von Eisen, Jod, Zink, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren zu achten.

Eine abwechslungsreiche Kombination von Hülsenfrüchten, Getreide, Nüssen und Ölsaaten unterstützt die Proteinversorgung1.

Flexitarische Ernährung orientiert sich an vegetarischer Kost, schließt Fleisch oder Fisch gelegentlich aber ein. Feste Mengengrenzen existieren nicht. Ernährungsphysiologisch zählt vor allem der Ersatz: Hülsenfrüchte, Vollkorn und Nüsse sollten an die Stelle des reduzierten Fleisches treten. So kann die Zufuhr von Ballaststoffen und ungesättigten Fettsäuren steigen. Der gesundheitliche Effekt hängt daher stärker von der individuellen Lebensmittelauswahl als vom Etikett „flexitarisch“ ab2.

Omnivore Ernährung schließt keine Lebensmittelgruppe grundsätzlich aus und umfasst pflanzliche wie tierische Lebensmittel. Dadurch ist eine breite Nährstoffzufuhr möglich. Tierische Lebensmittel liefern unter anderem gut verfügbares Protein, Vitamin B12, Eisen und Zink, pflanzliche Lebensmittel bringen Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Gesundheitsentscheidend sind jedoch Lebensmittelauswahl, Verarbeitungsgrad und Mengenverhältnis3.

Vegane Ernährung besteht ausschließlich aus pflanzlichen Lebensmitteln. Sie kann reich an Ballaststoffen und arm an gesättigten Fettsäuren sein und erfordert dadurch einen gut bedachten Speiseplan. Vitamin B12 muss zuverlässig supplementiert werden. Auch auf Proteine, Jod, Calcium, Eisen, Zink, Vitamin D, Selen und langkettige Omega-3-Fettsäuren muss geachtet werden. Angereicherte Lebensmittel und bedarfsgerechte Supplemente können Versorgungslücken schließen4.

Michael Hopp

Michael Hopp

Autor in der Foodtech Now!-Redaktion, der mit seinen Geschichten zeigen will, dass Tradition und Innovation zusammengehören.

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