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Die Preislücke: Warum Lebensmittel oft zu billig sind und manchmal zu teuer

11.06.2026

Lebensmittel erscheinen vielen Konsumenten oft teuer – und sind zugleich meist zu billig. Denn Umweltfolgen, Gesundheitskosten und Biodiversitätsverluste stehen selten auf dem Preisschild. Gleichzeitig nähern sich pflanzliche Alternativen der Preisparität mit Fleisch und Milch. Wird Preis zum stärksten Hebel der Proteintransformation?

Lesedauer: 7 Minuten

Der Preis eines Lebensmittels beeinflusst Kaufentscheidungen, den Geldbeutel und das Verständnis davon, was „wertvoll“ ist. Er dient als Orientierung, Qualitätsindikator und Rechtfertigung zugleich. Und doch führt er oft in die Irre. Denn Lebensmittelpreise spiegeln selten die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten wider. Schäden an Klima und Umwelt, Gesundheitsfolgen oder Biodiversitätsverluste werden bislang weitgehend von der Allgemeinheit getragen, ausgelagert in Ökosysteme, Gesundheitssysteme und zukünftige Generationen. Was an der Kasse bezahlt wird, zeigt meist nur einen Ausschnitt der Realität.

Wie groß diese Preislücke ist, verdeutlichen internationale Analysen. Nach Berechnungen der FAO1 verursachen die versteckten Kosten des globalen Ernährungssystems jährlich mehr als 10 Billionen US-Dollar – nahezu so viel wie der gesamte Marktwert aller weltweit konsumierten Lebensmittel. In Deutschland entstehen laut einer Analyse von Greenpeace und dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft2 allein durch Fleisch, Wurst und Zucker externe Folgekosten von rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Um die Nebenwirkungen der Lebensmittelproduktion und des Konsums zu begleichen, müsste fast die gleiche Summe zusätzlich aufgebracht werden. 

Verzerrte Preise – Marktversagen mit System

Rahmenbedingungen und strategischer Preisgestaltung – aber auch aus Psychologie. Verbraucher lesen Preise als Ausdruck von Wert und Qualität. Tatsächlich sind Marktpreise oft unvollständig: Produktionskosten und Gewinnmargen werden eingepreist, gesellschaftliche Folgekosten hingegen nicht.

Besonders ausgeprägt ist diese Verzerrung bei tierischen Produkten. Hinzu kommen steuerliche und politische Effekte: Milliardenbeträge fließen jährlich über EU-Agrarsubventionen in die Landwirtschaft, während der reduzierte Mehrwertsteuersatz tierische Produkte zusätzlich begünstigt. Gleichzeitig stehen Landwirt*innen selbst wirtschaftlich unter Druck. Gestiegene Energie-, Futtermittel- und Arbeitskosten sowie klimabedingte Ernteausfälle verschärfen die Situation. Viele Erzeuger fordern seit Jahren auskömmliche, faire Preise entlang der Wertschöpfungskette.

Wer profitiert also von den niedrigen Preisen? Sicher nicht Umwelt oder Landwirtschaft. Nach Einschätzung der Heinrich-Böll-Stiftung3 profitieren vor allem marktmächtige Akteure entlang der Lieferkette, während Produzenten oft nur geringe Margen erzielen. Gleichzeitig kritisieren Verbraucherzentralen4 teils schwer nachvollziehbare Preissteigerungen und versteckte Verteuerungen durch geringere Füllmengen oder veränderte Rezepturen. Fakt ist: Lebensmittel einschließlich Grundnahrungsmittel kosten heute im Durchschnitt rund 30 Prozent mehr als noch 2021 – eine Entwicklung, die insbesondere Haushalte mit geringer Kaufkraft belastet.

Auch Dirk Liebenberg, Head of Corporate Engagement bei der internationalen Ernährungsorganisation ProVeg, sieht strukturelle Verzerrungen: „Der Markt ist derzeit ungerecht und gegen faire, nachhaltige Produkte ausgerichtet, weil Akteure der Fleisch- und Milchindustrie ihre externen Kosten nicht internalisieren müssen.“ Deshalb brauche es stärkeren regulatorischen Reformdruck.

Zum Interview „Preisparität in allen Produktkategorien ist der nächste Meilenstein“ mit Dirk Liebenberg von ProVeg

Wenn Preise die Wahrheit sagen: Das PENNY-Experiment

Wie sich Preisrelationen verändern, wenn Umweltfolgekosten sichtbar sind, zeigte ein viel beachtetes Handels-Experiment im Sommer 2023. Für eine Woche verkauften rund 2.200 PENNY-Filialen neun Produkte zum sogenannten „wahren Preis“. Grundlage waren wissenschaftliche Berechnungen der TH Nürnberg und der Universität Greifswald, die Umweltkosten aus Klima-, Wasser- und Bodenbelastung sowie Gesundheitsfolgen monetarisierten.

Die Ergebnisse waren deutlich5: Besonders tierische Produkte verteuerten sich massiv. Wurst und Käse hätten teilweise fast doppelt so viel kosten müssen, während der Aufpreis für ein veganes Schnitzel lediglich rund fünf Prozent betrug. Studienleiter Tobias Gaugler betonte damals, Ziel sei keine Moralisierung, sondern Aufklärung: Gesellschaftlich müsse diskutiert werden, dass die Folgekosten unseres Ernährungssystems bereits heute an anderer Stelle bezahlt würden – nur eben nicht an der Supermarktkasse.

Das Experiment zeigte zweierlei: Erstens verschieben sich Preisrelationen erheblich, sobald externe Kosten eingerechnet werden. Pflanzliche Produkte erscheinen relativ günstiger. Zweitens reagieren Konsument*innen sensibel auf Preisänderungen. Rund 85 Prozent der Befragten empfanden die „wahren Preise“ als zu hoch. Entsprechend sanken die Absatzzahlen deutlich. Gleichzeitig stieg das Bewusstsein für die ökologischen Folgen von Lebensmitteln deutlich: Nach der Aktionswoche berichteten rund zwei Drittel der Kunden von einem gestiegenen Bewusstsein für die wahren Kosten von Lebensmitteln. Bemerkenswert fand das Forschungsteam: Der Absatz eines veganen Schnitzels stieg trotz Preiserhöhung an – vermutlich, weil der Preisunterschied zu tierischen Alternativen plötzlich deutlich geringer ausfiel.

Preisparität als Gamechanger

Parallel zur Debatte um „wahre Kosten“ verändert sich der Markt bereits von innen heraus. Pflanzliche Alternativen nähern sich zunehmend dem Preisniveau tierischer Produkte – teilweise sind sie bereits günstiger.

Die ProVeg-Preisstudie 20256 zeigt erstmals einen Wendepunkt: Ein standardisierter pflanzlicher Warenkorb kostet in Deutschland im Durchschnitt rund fünf Prozent weniger als ein tierischer Vergleichskorb. Bei einzelnen Discountern wie Lidl liegt der Preisvorteil sogar bei bis zu 18 Prozent. In sieben von acht untersuchten Handelsformaten schneiden pflanzliche Produkte inzwischen günstiger ab.

Methodisch vergleicht die jährlich erhobene Studie substituierbare Produkte – etwa Haferdrink mit Kuhmilch oder veganes Hack mit Rinderhack – über verschiedene Handelsformate hinweg. Rund die Hälfte der untersuchten Kategorien liegt inzwischen unter dem Preisniveau tierischer Produkte. Besonders bei Burger-Patties und Scheibenkäse sind vegane Varianten oft günstiger als Fleisch oder Käse.

Für Dirk Liebenberg ist diese Entwicklung zentral: „Pflanzliche Alternativen sollten mindestens zum gleichen Preis wie tierische Produkte angeboten werden – idealerweise günstiger.“ Der Handel folgt dieser Strategie zunehmend und positioniert pflanzliche Eigenmarken gezielt preisattraktiv. Gleichzeitig wurden tierische Produkte verteuert, berichtet Liebenberg.

Mehr Transparenz statt reiner Kompensation

Dass Preiswahrheit mehr sein kann als ein kurzfristiges Experiment, zeigt der Verein Mehr.Wert e.V.7 Stefanie Moritz arbeitet dort am Marketing und an einem wissenschaftsbasierten Standard zur Bilanzierung von Umweltwirkungen entlang von bis zu 13 Wirkungskategorien. Ziel ist ein Produktlabel, das ökologische Wirkungen verständlich sichtbar macht und Anreiz für Veränderungen bewirkt. Es adressiert die Entscheidungsfreiheit der Konsumenten und die Veränderungen in Unternehmen zugleich. Ab Anfang 2027 sollen die ersten Produkte im Handel stehen. Renommierte Kooperationspartner sind bereits gefunden.

Mit dem zugrundeliegenden Konzept der Kompensation gehe es ausdrücklich um Veränderung, betont Moritz: „Ein Unternehmen muss zunächst glaubwürdig darlegen, warum es Emissionen nicht weiter reduzieren kann, bevor finanzielle Wiedergutmachung erfolgt.“ Die Mittel fließen anschließend in regionale Renaturierungs- und Klimaanpassungsprojekte. Etwa zur Hitzeminderung in Städten wie Stuttgart oder in die regenerative Landwirtschaft. 

Preis als Hebel der Proteintransformation

Preis wird zunehmend zum strategischen Hebel der Ernährungswende. Einerseits machen True-Cost-Initiativen sichtbar, wie stark heutige Preise verzerrt sind. Andererseits bringt Preisparität pflanzliche Alternativen aus der Nische in den Mainstream.

Doch reicht der Preis allein nicht. Konsumentscheidungen bleiben emotional, kulturell geprägt und hochgradig habitualisiert. Es wächst der Druck auf Politik und Wirtschaft, externe Kosten systematisch einzupreisen – etwa durch CO₂-Bepreisung oder den Abbau klimaschädlicher Subventionen. Es gibt immer mehr Initiativen und Organisationen, die zeigen können, wie es geht. Ohne Gewinnmaximierung, mit unternehmerischer Verantwortung für Umwelt, Gesundheit und Zukunft.

Langfristig geht es um Preiskohärenz: Preise, die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit mit ökologischer Realität verbinden. Erst wenn nachhaltigere oder pflanzliche Produkte nicht länger als teure Ausnahme erscheinen, sondern zur naheliegenden Wahl werden, könnte sich das Ernährungssystem grundlegend verschieben. Denn dann wäre der Lebensmittelpreis nicht länger nur ein Marktpreis – sondern Ausdruck ihres tatsächlichen Wertes. 

Glossar: Die Ökonomie der Lebensmittelpreise

Der Lebensmittelpreis bezeichnet den monetären Wert eines Lebensmittels, der am Markt gezahlt wird. Er entsteht entlang der Wertschöpfungskette aus Produktions-, Verarbeitungs-, Transport-, Handels- und Vermarktungskosten sowie aus Angebot und Nachfrage. Allerdings bildet der Marktpreis häufig nicht die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten eines Produkts ab: Umweltfolgen, Gesundheitskosten oder soziale Auswirkungen bleiben oft unberücksichtigt. Genau an dieser Differenz setzt die Debatte um „wahre Preise“, versteckte Kosten und die Internalisierung externer Effekte an. Lebensmittelpreise sind daher nicht nur ökonomische Signale, sondern auch Ausdruck politischer Rahmenbedingungen, globaler Handelsstrukturen und gesellschaftlicher Wertentscheidungen.

Externe Kosten oder Externalitäten entstehen, wenn Produktion oder Konsum Auswirkungen auf Umwelt oder Gesellschaft verursachen, deren finanzielle Folgen nicht von den Verursachenden getragen werden. Typische Beispiele sind Treibhausgasemissionen, Biodiversitätsverluste oder Stickstoffeinträge in Böden und Gewässer. In der klassischen Volkswirtschaftslehre beschreiben Externalitäten Marktversagen, da Preise die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten nicht vollständig abbilden. Internationale Organisationen, wie die OECD, haben Methoden zur Erfassung und Bewertung solcher Effekte wesentlich weiterentwickelt.

https://www.oecd.org/environment

Versteckte Kosten bezeichnen die Diskrepanz zwischen dem Marktpreis eines Produkts und seinen tatsächlichen gesellschaftlichen Gesamtkosten inklusive aller ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Folgewirkungen. Der Begriff wird vor allem in der Wohlfahrtsökonomie sowie in politischen Debatten um nachhaltige Ernährungssysteme verwendet. Der Bericht State of Food and Agriculture (SOFA) 2024 der FAO schätzt diese versteckten Kosten weltweit auf rund 12 Billionen US-Dollar jährlich. Ein Großteil entfällt auf gesundheitliche Folgekosten durch Fehlernährung, übermäßigen Zuckerkonsum, Adipositas und chronische Erkrankungen.

https://www.fao.org/publications/sofa

Die Internalisierung beschreibt die Einbindung externer Kosten in die Marktpreise nach dem Verursacherprinzip. Dies geschieht etwa über Abgaben, Regulierung oder Instrumente wie eine CO₂-Bepreisung. Ziel ist es, verzerrte Preissignale zu korrigieren und nachhaltigere Alternativen wettbewerbsfähiger zu machen. Internationale Institutionen wie die Weltbank und die OECD entwickeln hierfür ökonomische Instrumente und politische Rahmenbedingungen. In der Praxis bleibt die Balance zwischen ökologischer Lenkungswirkung und sozialer Verträglichkeit eine zentrale Herausforderung.

https://www.worldbank.org/en/topic/climatechange/carbon-pricing
https://www.oecd.org/environment

Faire Preise definieren ein Preisniveau, das landwirtschaftlichen Erzeugerinnen und Erzeugern ein existenzsicherndes Einkommen (Living Income) garantiert und soziale Mindeststandards entlang der Lieferkette absichert. Geprägt durch Initiativen wie Fairtrade International steht die gerechte Verteilung der realen Wertschöpfung im Vordergrund. Das Konzept richtet sich gegen strukturelle Ungleichgewichte und die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels gegenüber landwirtschaftlichen Betrieben. Ziel ist die Etablierung von Handelsmechanismen, die Erzeugereinkommen langfristig absichern können.

https://www.fairtrade.net

Der Ansatz der „wahren Preise“ (True Prices) verfolgt das Ziel, sämtliche ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgekosten eines Produkts transparent zu machen und in den Preis einzubeziehen. Maßgeblich entwickelt wurde der Ansatz von der True Price Foundation. Die größte Herausforderung bleibt die wissenschaftlich belastbare Monetarisierung komplexer Folgeeffekte.

https://trueprice.org

True Cost Assessment ist ein analytischer Bewertungsansatz, der die vollständigen Kosten und Nutzen von Produkten, Unternehmen oder Ernährungssystemen erfasst. Neben finanziellen Kennzahlen berücksichtigt TCA auch natürliches, soziales und menschliches Kapital. Internationale Organisationen wie die FAO sowie wissenschaftliche Netzwerke treiben die methodische Standardisierung voran. Ziel ist mehr Transparenz über bislang unsichtbare Wirkungen entlang von Lieferketten und eine fundierte Entscheidungsbasis für Politik, Unternehmen und Investoren. Herausforderungen bestehen insbesondere bei Datenverfügbarkeit, Standardisierung und Vergleichbarkeit.

https://www.fao.org
Dr. Beate Gebhardt

Dr. Beate Gebhardt

Autorin und Forschungsberaterin

Dr. Beate Gebhardt ist Autorin und Forschungsberaterin, die in der Foodtech Now!-Redaktion Wissenschaft auf den Punkt und Nachhaltigkeit in die Praxis bringt.

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