Lesedauer: 5 Minuten
Wenn Frische zum Wegwerfgrund wird – Obsoleszenz bei Lebensmitteln
Lebensmittel werden nicht nur schlecht – sie werden obsolet gemacht. Zu diesem Fazit kommen 19 Praktiker und Wissenschaftler, die im Rahmen einer Studie der Universität Hohenheim1 befragt wurden. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Erzeugung bis zum Verbraucher– zeigen sich zahlreiche Mechanismen, durch die die Lebensdauer von Lebensmitteln bewusst oder nachlässig verkürzt wird.
Ein zentrales Beispiel ist das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Die Experten betonen: „Das MHD wird von den Herstellern willkürlich festgelegt. Fehlinterpretationen durch Verbraucher machen es möglich, diese Angabe gezielt zur Mengen- und Gewinnsteigerung einzusetzen.“
Der Begriff „Obsoleszenz“, ursprünglich aus der Technik bekannt, beschreibt den Prozess des vorzeitigen Alterns oder der geplanten Kurzlebigkeit. Legendäres Beispiel sind die Absprachen führender Glühlampenhersteller in den 1920er-Jahren, dem sogenannten Phoebus-Kartell, das die Leuchtdauer von Glühbirnen künstlich begrenzte. Übertragen auf Lebensmittel eröffnet der Begriff eine neue Perspektive: Weg von der alleinigen Verantwortung der Konsumenten – hin zu einer systemischen Sicht, in der alle Akteure der Lebensmittelkette in den Blick genommen werden.
Die Hohenheimer Studie versteht diesen Zugang als ein „Korrektiv“. Denn viele Ursachen von Lebensmittelabfällen liegen vor dem Kühlschrank – in Produktionsnormen, Distributionslogistik und Marktmechanismen. Mit dem Korrektiv der Verbraucherverantwortung entsteht auch ein Korrektiv in den Lösungsansätzen hin zu einer größeren Vielfalt von Maßnahmen. In diesem Punkt herrscht Einigkeit unter den Experten: Der Gesetzgeber spielt eine zentrale Rolle, um durch flankierende Regelungen und die Präzisierung des Mindesthaltbarkeitsdatums strukturelle Veränderungen anzustoßen. Die Lösung kann nur gemeinsam gelingen.
Rund 80 kg pro Person Lebensmittelabfall
Das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung ist enorm. In Deutschland fielen im Jahr 2022 rund 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an – rechnerisch genug, um damit eine Stadt wie Berlin ein Jahr lang zu ernähren. Nach Angaben des Umweltbundesamts entstehen davon etwa 58 Prozent (rund 6,3 Millionen Tonnen) in privaten Haushalten und 15 Prozent (rund 1,6 Millionen Tonnen) in der Lebensmittelverarbeitung; die übrigen Mengen entfallen auf Handel, Außer-Haus-Verpflegung und Landwirtschaft. Im Durchschnitt wirft jede Person in Deutschland rund 80 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg – ein Großteil davon wäre vermeidbar.
Besonders klimarelevant ist die Verschwendung tierischer Lebensmittel, wie Berechnungen des Instituts für Energie und Umweltforschung (IFEU)2 zeigen. Ein Kilogramm Milch verursacht im Durchschnitt rund 980 Gramm CO₂, bei Rindfleisch sind es bis zu 14.100 Gramm CO₂ pro Kilogramm. Und obwohl Fleischabfälle mengenmäßig gering erscheinen – etwa 2 Prozent Rindfleisch und 6 Prozent Schweinefleisch, verursachen sie nahezu die Hälfte der gesamten Treibhausgasemissionen, die in der EU durch weggeworfene Lebensmittel entstehen.
Lebensmittelabfälle systematisch verringern
Mit der Zustimmung des Europäischen Parlaments3 im September 2025 hat die EU erstmals verbindliche Reduktionsziele für Lebensmittelabfälle beschlossen. Bis 2030 sollen die Mitgliedstaaten die Abfallmengen in der Verarbeitung und Herstellung um zehn Prozent sowie in Handel, Gastronomie und Haushalten um 30 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023 senken. Diese Vorgaben markieren einen Wendepunkt: Sie verpflichten alle Akteure entlang der Lebensmittelkette, strukturell anzusetzen statt nur am Konsum. Die Mitgliedstaaten müssen die Richtlinie nun in nationales Recht überführen.
Etablieren einer Wertschätzungskette
Technologische und organisatorische Lösungsansätze entstehen bereits, um Lebensmittelabfälle messbar zu verringern. In der Landwirtschaft ermöglichen Sensorik, Drohnentechnik und digitale Ernteprognosen eine präzisere Planung und geringere Verluste. In Verarbeitung und Logistik sorgen KI-gestützte Bedarfsplanung, Smart Packaging und Echtzeit-Monitoring für weniger Ausschuss und stabilere Kühlketten. Im Handel helfen dynamische Preisalgorithmen und digitale Weitergabemodelle für überschüssige Ware dabei, Ressourcen effizienter zu nutzen. Und in Gastronomie und Privathaushalten fördern digitale Apps und Bildungsinitiativen einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln. Seit 2025 wurde zudem die Kompetenzstelle zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und -verlusten (KLAV) als nationale Plattform für Abfallvermeidung etabliert. Sie bietet Informationsprogramme, Vernetzungsstrukturen und Monitoring-Instrumente für alle Akteure entlang der Kette.
Ein Experte der Hohenheimer Studie bringt es auf den Punkt: „Erst wenn alle Glieder der Kette verstehen, dass Wertschöpfung ohne Wertschätzung nicht funktioniert, kann echte Nachhaltigkeit entstehen.“ So wird aus der klassischen Wertschöpfungskette eine Wertschätzungskette – ein gemeinsamer Weg, der Abfall vermeidet und Ressourcen sichert.
Weiterführende Informationen und Quellen
Obsoleszenz – auch ein Thema bei Lebensmitteln
Eine Studie der Universität Hohenheim zu Lebensmittelabfällen und -verlusten aus Sicht von Experten. Ausgangpunkt der Studie ist eine fehlende wissenschaftliche Analyse des Zusammenhangs von Lebensmittelabfällen und geplanter Obsoleszenz.
Mehr erfahrenNeue EU-Vorschriften zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen
Mit der aktualisierten Gesetzgebung vom 09.09.2025 gibt das EU-Parlament verbindliche Ziele zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen vor, die bis zum 31. Dezember 2030 auf nationaler Ebene erreicht werden sollen.
Mehr erfahrenKompetenzstelle zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und -verlusten (KLAV)
Die neue Kompetenzstelle unterstützt seit 2025 den sektorenübergreifenden Austausch mit der Wirtschaft. Sie ist Teil der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung in Deutschland.
Mehr erfahrenNationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung
Die „Nationale Strategie“ gibt seit 2019 den Rahmen, um gemeinsam Maßnahmen zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen festzulegen und ein gesellschaftliches Umdenken zu erreichen.
Mehr erfahrenLebensmittel-Abfall-Glossar
Lebensmittel
Die europäische Verordnung (EG) Nr. 178/2002 legt fest, was unter einem Lebensmittel zu verstehen ist. Demnach sind Lebensmittel alle Stoffe oder Erzeugnisse, die dazu bestimmt sind – oder bei denen erwartet werden kann –, dass sie vom Menschen in verarbeitetem, teilweise verarbeitetem oder unverarbeitetem Zustand verzehrt werden. Nicht als Lebensmittel gelten unter anderem Futtermittel, Pflanzen vor der Ernte, Tiere vor der Schlachtung sowie Arzneimittel.
Abfall
Abfall entsteht dann, wenn ein Besitzer einen Gegenstand nicht mehr nutzen will oder kann – also den Willen zur Entledigung hat, etwa weil sich Geschmack, Nutzen oder Bedarf verändert haben. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) definiert den Abfallbegriff entsprechend eng und unterscheidet zwischen einem subjektiven Entledigungswillen und objektiven Entledigungsgründen. Immer dann, wenn Stoffe oder Produkte in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden, weil Nachfrage, Markt oder alternative Nutzungsmöglichkeiten bestehen - etwa wenn genießbare Lebensmittel an karitative Einrichtungen gespendet oder zur Biovergärung genutzt werden, endet der Abfallbegriff im juristischen Verständnis.
Lebensmittelabfall
Lebensmittelabfall umfasst nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz alle Nahrungsmittel, die entlang der Versorgungskette zu Abfall werden – von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis zum Konsum. Dazu zählen sowohl vermeidbare Verluste, also zum Verzehr oder zur Weiterverarbeitung geeignete, aber entsorgte Lebensmittel, als auch unvermeidbare Reste wie Schalen oder Knochen. Global betrachtet ist das Ausmaß gravierend: Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) wurden 2022 weltweit etwa 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel vernichtet – ein Volumen, das der gesamten Lebensmittelproduktion von Januar bis Mai entspricht.
Lebensmittelverluste
Lebensmittelverluste entstehen meist in den frühen Phasen der Wertschöpfungskette, also bevor Lebensmittel den Einzelhandel oder die Verbraucherstufe erreichen. Sie betreffen sowohl essbare Produkte als auch deren nicht essbare Bestandteile. Zu den Hauptursachen zählen Ernte- und Produktionsverluste, Verderb auf dem Feld, Schäden bei Lagerung, Transport oder Verarbeitung – etwa durch ungeeignete Erntetechnik, Transportschäden oder unzureichende Kühlung. Während Lebensmittelverluste vor allem in der Landwirtschaft und Verarbeitung auftreten, entstehen Lebensmittelabfälle überwiegend im Handel, in der Gastronomie und bei den Verbrauchern.
Obsoleszenz bei Lebensmitteln
Lebensmittel, die vorzeitig verderben oder entsorgt werden, obwohl sie biologisch noch genießbar wären, lassen sich als Fälle von Obsoleszenz verstehen. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Technik. Eine Studie der Universität Hohenheim zeigt, dass sich dieses Prinzip auch auf den Lebensmittelbereich übertragen lässt: Produkte werden durch Marktmechanismen, Frischeideale und ökonomische Anreize häufig künstlich verkürzt in ihrer Nutzungsdauer. Die bisherigen Erkenntnisse sind vor allem qualitativ und anekdotisch.