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Ernährung ist heute mehr denn je ein vielschichtiges Thema – geprägt von gesellschaftlichen Erwartungen, politischen Rahmenbedingungen und individuellen Lebensstilen. Zwischen Genussanspruch und Klimazielen, zwischen Tierwohl und Alltagstauglichkeit sucht eine wachsende Zielgruppe ihren eigenen Weg: Flexitarier*innen. Laut Ernährungsreport der BLE (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung) aus dem Jahr 2025 bezeichnen sich 37 % der Deutschen (n = 1.000) als flexitarisch lebend – bei Frauen sogar 43 %. Besonders jüngere Menschen (unter 30 Jahre) greifen verstärkt zu pflanzlichen Alternativen, getrieben von einem gestiegenen Bewusstsein für Nachhaltigkeit, Gesundheit und Klimaschutz1. Als Flexitarier*innen gelten Personen, die ihren Fleischkonsum bewusst und aktiv einschränken, ohne dabei vollständig auf Fleisch zu verzichten. Im Gegensatz zu Vegetarier*innen entscheiden sie sich flexibel von Mahlzeit zu Mahlzeit für eine pflanzliche oder fleischhaltige Option.Gleichzeitig bleibt Fleisch für viele ein Symbol von Vertrautheit, Geschmack und kultureller Identität. Die Lebensmittelindustrie steht vor einer anspruchsvollen Aufgabe: Produkte zu entwickeln, die diese Ambivalenz auflösen – geschmacklich überzeugend, ökologisch verträglicher, technologisch skalierbar.
Was ist eigentlich ein Hybridprodukt?
In diesem dynamischen Marktfeld entstehen Hybridprodukte. Sie kombinieren tierische Bestandteile gezielt mit pflanzlichen oder alternativen Proteinkomponenten. Damit fungieren sie als technologische Verbindung für eine moderne Ernährung. Das Ziel ist eine effiziente Ressourcenschonung und die Senkung von CO2 Emissionen. Dabei bleibt das gewohnte Geschmackserlebnis sowie die vertraute Textur vollständig erhalten. Anders als rein pflanzliche Alternativen sind diese Produkte kein Ersatz für Fleisch. Sie verstehen sich vielmehr als sinnvolle Erweiterung des bestehenden Angebots. Damit bieten sie eine langfristige Lösung für eine Ernährungswelt, in der hochwertiges Fleisch und innovative Alternativen dauerhaft nebeneinander bestehen.
Die Begriffslandschaft ist dabei noch im Wandel: „Blended Meat“ oder „Hybrid Meat“ bezeichnen oft Produkte mit pflanzlicher Beimischung (z. B. Gemüse, Hülsenfrüchte, pflanzliche Proteine). Hinzu kommen innovative Ansätze mit fermentativ erzeugten Proteinen wie Mykoprotein – und visionäre Konzepte mit kultivierten Fleischkomponenten, die aktuell noch der regulatorischen Zulassung bedürfen.
Eine strukturierte Einordnung bietet die folgende Übersicht – differenziert nach Fleischanteil und Marktreife.
Drei Varianten hybrider Produkte, unterschieden nach Fleischanteil und Marktreife. Kultiviertes Fleisch ist in der EU noch nicht zugelassen und befindet sich in der Entwicklung. Werte x/y stehen für variable Mischverhältnisse. Quelle: Zhanar Sadyk
Dass die Hybridprodukte inzwischen in der Breite der Ernährungswirtschaft angekommen sind, bringt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), auf den Punkt: „Das Thema beschäftigt derzeit Industrie und Handel“. Er sehe „großes Potenzial“ in der Kombination aus klassischem Fleisch oder Fisch und der veganen Alternative: „Es muss nicht mehr den totalen Gegensatz geben. Stattdessen wird jetzt eine Brücke gebaut zwischen den Welten.“2
Marktübersicht von Hybridprodukten
Hybridprodukte – verstanden als Kombination aus tierischem Fleisch und pflanzlichen Zutaten – sind bislang ein vergleichsweise kleines, aber zunehmend relevantes Segment. Ihr Kernversprechen liegt in der Brückenfunktion: weniger Fleisch, ohne dass Konsument*innen vollständig auf vertraute Textur und sensorische Erwartungen verzichten müssen.
Die globale Marktabgrenzung fällt je nach Quelle unterschiedlich aus. Laut Meticulous Research lag das Marktvolumen für Hybridprodukte im engeren Sinn (Fleisch + Pflanze) 2020 bei 58,7 Mio. USD3; Die Prognose sieht bis 2028 einen Anstieg auf knapp 674 Mio. USD vor, bei einer Ø jährlichen Wachstumsrate von 36,6 %. Andere Quellen, wie Dataintelo, beziffern den globalen Markt für Blended Meat für 2026 bereits deutlich höher – auf etwa 4,1 bis 5,0 Mrd. USD4. Die Abweichungen spiegeln vor allem unterschiedliche Definitionsansätze wider: Während Meticulous nur klar deklarierte Hybridprodukte (also Kombinationen aus Fleisch und pflanzlichen Komponenten) zählt, schließt Dataintelo auch andere Mischsegmente mit ein.
Hybrid-Hackfleisch im Handel: Kombinationen aus Fleisch und pflanzlichen Zutaten wie Pilzen oder Jackfruit reduzieren den tierischen Anteil bei gleichbleibender Verwendung. Quelle: Innova New Products Database, © Both
Für Europa liegen die Marktzahlen fragmentierter vor. Laut GFI Europe und Circana beträgt der Einzelhandelsumsatz mit Fleischalternativen (inklusive hybrider Produkte) rund 2,0 Mrd. EUR (2025)5; Hybride sind darin enthalten, werden jedoch selten separat ausgewiesen. Zugleich zeigt sich Europa als heterogener Innovationsraum: Während etwa die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Skandinavien als Vorreiter pflanzenbasierter Konzepte gelten, befinden sich hybride Produktlösungen vielerorts noch im Pilotstatus. Eine Verbraucherstudie des Smart Protein Projects weist darauf hin, dass rund 51 % der europäischen Verbraucher*innen ihren Fleischkonsum aktiv reduzieren – ein Umfeld, in dem hybride Konzepte grundsätzlich auf Resonanz stoßen können6.
Deutschland gilt innerhalb Europas als Schlüsselmarkt für hybride Innovationen, nicht zuletzt aufgrund der starken Rolle des Lebensmitteleinzelhandels und eines hohen Flexitarieranteils. Konkrete Umsatzzahlen für Hybrid-Fleischprodukte (Fleisch plus pflanzliche Komponenten) liegen jedoch nicht öffentlich vor. Laut Destatis stieg der Produktionswert von Fleischersatzprodukten 2023 um 16,6 % auf 583,2 Mio. EUR8. Hybride Produkte werden statistisch bislang nicht separat erfasst, tauchen in der Praxis aber zunehmend in den Sortimenten großer Händler auf – teilweise als Mischprodukte mit reduziertem Fleischanteil im mittleren Preissegment. Als Kontext für Deutschland gilt: Pflanzliche Alternativen erzielten laut einer Studie der AFC Consulting Group und „Die neuen Protein NL Partner für Deutschland“ 2024 im Lebensmitteleinzelhandel 1,7 Mrd. Euro Umsatz; von 2022 bis 2024 wuchs der Markt im Schnitt um 3,3 % pro Jahr9.
Industrie und Handel reagieren auf diese Entwicklung: Start-ups, Handelsmarken sowie Maschinen- und Anlagenbauer treiben Rezepturen und Prozesslösungen voran – etwa über Mischtechnologien und Strukturierungsverfahren wie die Co-Extrusion. In der Praxis dominieren bislang vor allem Frischeprodukte das Hybrid-Angebot, darunter Burger und Hackfleisch.
Internationale Beispiele für Hybridprodukte: Burger und Fleischbällchen mit jeweils 50 % Fleisch und 50 % pflanzlichen Zutaten stehen exemplarisch für den Trend zu nachhaltigeren Fleischprodukten mit reduziertem tierischem Anteil. Quelle: Meat Mix’d / Veos Group, © Lidl
Warum der Durchbruch (noch) ausbleibt
Trotz zunehmender Innovationsdynamik bleibt der breite Markterfolg hybrider Produkte bislang aus. Dafür gibt es mehrere strukturelle Hürden – technologischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Natur.
Technologisch stellen Hybridprodukte hohe Anforderungen an die Kombination verschiedener Proteintypen: Unterschiede im Wasserbindungs- und Fettverhalten führen bei Hitzebehandlung oder Lagerung häufig zu Qualitätseinbußen, insbesondere bei Textur und Emulgierung. Diese Herausforderungen gelten als zentrale technische Barriere in der industriellen Umsetzung10.
Neben traditioneller Misch- und Zerkleinerungstechnik kommen zunehmend neuartige Verfahren zur Erzeugung komplexer Hybridstrukturen zum Einsatz. Von Handtmann entwickelte Verfahren zur Koextrusion und Marmorierung sowie zur automatisierten Schichtung erlauben dabei eine gezielte Gestaltung der dreidimensionalen Struktur und Textur, berichtet Dr. Michael Betz, Leiter Lebensmitteltechnologie von Albert Handtmann Maschinenfabrik GmbH & Co. KG7.
Wirtschaftlich wirken sich hohe Innovationskosten, teure Zutaten – wie Mykoprotein – sowie instabile Lieferketten hemmend auf Skaleneffekte aus. Zum Vergleich: Konventionelles Fleisch ist bislang deutlich günstiger. Der bislang geringe Marktanteil erschwert zudem den Eintritt in den Massenmarkt und drückt auf die Preiswettbewerbsfähigkeit.
Regulatorisch zeigt sich die Lage komplexer als oft dargestellt. Die oft zitierte „60 Prozent-Grenze“ für Fleischanteil bezieht sich nicht auf eine gesetzlich festgelegte Schwelle, sondern ist eher ein branchenspezifischer Orientierungswert zur Produktkategorisierung. Zwar regelt die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV, VO (EU) Nr. 1169/2011) klar die Pflicht zur Zutatenkennzeichnung, doch nicht die Frage der Produktbezeichnung selbst. Letztere liegt im Graubereich zwischen rechtlicher Auslegung, Verbraucherverständnis und Marketingstrategie – was die Positionierung hybrider Produkte zusätzlich erschwert10. In der praktischen Kennzeichnungsarbeit gewinnen dabei Detailfragen an Gewicht: Dr. Tanja Grünewald, vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, betonte auf dem Hybridprodukte-Symposium in Gerlingen, „dass hier jedes Lebensmittelenzym deklariert werden muss, sofern es im Endprodukt einen bleibenden Effekt bewirkt7.
Verbraucherseitig mangelt es häufig an Vertrauen und Klarheit. Studien zeigen, dass viele Konsument*innen Hybridprodukte als schwer einzuordnende „Zwitterlösung“ wahrnehmen – weder Fleisch noch Alternative. Für den Markterfolg braucht es daher sensorische Überzeugungskraft, transparente Kommunikation und ein konsistentes Naming, das Orientierung bietet11.
Status Quo und Marktposition hybrider Produkte
Hybridprodukte entwickeln sich zunehmend zu einem strategischen Element im Innovationsportfolio der Lebensmittelindustrie. Als Brückentechnologie zwischen klassischem Fleisch und pflanzlichen Alternativen bieten sie einen pragmatischen Lösungsweg für Unternehmen, die Genussversprechen, Nachhaltigkeitsziele und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen möchten.
Die wachsende Nachfrage stammt vor allem aus einem Konsumsegment, das sich nicht ideologisch, sondern alltagspraktisch orientiert: Flexitarier*innen suchen Produkte, die gewohnte sensorische Qualitäten liefern – bei gleichzeitig reduziertem Fleischanteil. Diese differenzierte Anspruchshaltung erfordert durchdachte Rezepturen und überzeugende Produktkonzepte.
Gleichzeitig ist das Segment technologisch, regulatorisch und wirtschaftlich komplex. Die Kombination unterschiedlicher Proteintypen stellt hohe Anforderungen an Textur, Emulgierung und Haltbarkeit. Die fehlende rechtliche Klarheit zur Kennzeichnung hybrider Produkte erschwert die Marktkommunikation. Zudem sind Skaleneffekte durch geringe Marktanteile und kostenintensive Zutaten wie Mykoprotein bislang nur begrenzt realisierbar.
Dennoch ist die strategische Relevanz unübersehbar: Branchenberichte, Pilotprojekte und erste Listungen im Lebensmitteleinzelhandel deuten aufwachsende Akzeptanz und Entwicklungspotenzial hin. Wer heute in hybride Produktkonzepte investiert, besetzt eine zukunftsweisende Position – nicht nur zwischen Fleisch und Pflanze, sondern auch zwischen gesellschaftlichem Anspruch und unternehmerischem Gestaltungsraum.
Quellen
1 Deutschland, wie es isst – der BMLEH-Ernährungsreport 2025. (2025, 27. November). BMEL. https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/ernaehrungsreport2025.html; abgerufen am 10.01.2026; https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/ernaehrungsreport2025.html
2 Dierig, C. (2026, 5. Januar). „Hybridfleisch“: Das steckt hinter dem neuen Phänomen. DIE WELT. https://www.welt.de/wirtschaft/plus6946d88ff6fc544dba9aefbf/hybridfleisch-das-steckt-hinter-dem-neuen-phaenomen.html ; abgerufen am 20.01.2026
3 Tertel, J. (2024, 5. Dezember). Hybrid meat products: Sales drivers for different requirements. Hydrosol. https://hydrosol.de/en/press-releases/hybrid-meat-products-sales-drivers-for-different-requirements/; abgerufen am 25.01.2026
4 Dataintelo, More, A. B. & Dataintelo. (2025, 28. Juni). Hybrid Meat Product Market Research Report 2033. Dataintelo. https://dataintelo.com/report/hybrid-meat-product-market, abgerufen am 22.01.2026
5 Williams, A. (2025, 11. Juni). European plant-based sales data - GFI Europe. GFI Europe. https://gfieurope.org/european-plant-based-sales-data/, abgerufen 25.01.2026
6 Evolving Appetites: An in-depth look at European attitudes towards plant-based eating. (2023, November). Smartproteinproject. Abgerufen am 22. Januar 2026, von https://smartproteinproject.eu/wp-content/uploads/Smart-Protein-European-Consumer-Survey_2023.pdf
7 Sadyk, Z. (2025). Fleischtechnologie im Wandel. Food Aktuell, 60–63.
8 Trend zu Fleischersatz ungebrochen: Produktion steigt 2023 um 16,6 % gegenüber dem Vorjahr. (o. D.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/05/PD24_N018_42.html, abgerufen am 27.01.2026
9 Import, M. & Import, M. (2025, 11. November). Studie sagt weiteres Wachstum voraus. Prozesstechnik Online. https://prozesstechnik.industrie.de/news-food/studie-sagt-weiteres-wachstum-voraus/, abgerufen am 28.01.2026
10 Hennings, L. (2025, 4. September). Ein Einblick in Blended und Hybride Fleischprodukte: Was, warum und für wen genau sind sie geeignet? -. Vegconomist. https://vegconomist.de/food-and-beverage/fleisch-und-fischalternativen/einblick-gemischtes-und-hybrides-fleisch/, abgerufen am 29.01.2026
11 Hybrid Meat: Brückentechnologie zwischen Tier und Pflanze. (o. D.). https://foodhub-nrw.de/news/hybrid-meat-bruckentechnologie-zwischen-tier-und-pflanze; abgerufen 28.01.2026